„Echte Coaching-Qualitäten“

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Setzt sich für die Interessen von Menschen mit Behinderung ein: Kerrin Stumpf, Geschäftsführerin von LMBHH Foto: Flüß
 
Kurt Juster mit seiner Tochter Nina im Jahr 1969 auf einer Konferenz in England Foto: wb

Mutter eines behinderten Sohnes leitet Verein Leben mit Behinderung

Von Miriam Flüß
Winterhude
„Mein Kind ist toll, das soll die Gesellschaft auch sehen!“ Dafür, dass Eltern von Kindern mit Behinderung so selbstbewusst in die Öffentlichkeit gehen, setzt sich der Verein „Leben mit Behinderung“ in Hamburg seit 60 Jahren ein. Kerrin Stumpf (45) ist seit 2015 Geschäftsführerin des mehr als 1.500 Mitglieder starken Vereins. Als 2001 ihr Sohn Pelle mit Spastik geboren wurde, stieß sie auf den Elternverein. „Plötzlich öffnete sich die Welt und ich erkannte ganz viele Chancen“, erzählt die 45-Jährige, die als Rechtsanwältin arbeitete, bevor sie sich auch beruflich „Leben mit Behinderung“ widmete. „Für viele Eltern ist es eine traumatisierende Erfahrung, wenn ihr Kind mit einer Spastik auf die Welt kommt. Gemeinsam tätig zu werden setzt eine enorme Kraft frei.“ Ihr Sohn Pelle, der schwerbehindert ist und nicht sprechen kann, ist heute 15 Jahre alt und „ein großer Fußball-Fan. Außerdem versteht er am meisten Musik von uns allen und besucht gern die Laiszhalle“, erzählt die dreifache Mutter. Kerrin Stumpf beobachtet, dass Kinder wie Pelle glücklich machen und Ruhe in Situationen bringen können. „Sie haben echte Coaching-Qualitäten. Eltern kennen dieses Geheimnis, aber beschützen es auch.“ Auch wenn der Verein das Selbstbewusstsein von Eltern und Kindern stärkt, praktische und beratende Unterstützung rund um die Themen Familie, Wohnen, Arbeit, Freizeit und Bildung leistet und permanent Dialoge und Strukturen mitbewegt, bleibt der Einsatz für „Menschen mit Behinderung“ doch „eine Herkulesaufgabe, denn wir befinden uns dauernd im Spagat zwischen Inklusion und Exklusion“, so Kerrin Stumpf. Oft würden Menschen mit Behinderung aufgrund ihres hohen Ressourcen- und Hilfsmittel-Bedarfes als teuer eingestuft und auf die Behinderung reduziert. „Es ist aber fatal, nur übers Geld zu sprechen. Wir müssen uns fragen, wie wir mehr Hilfsbereitschaft schaffen.“ Auch Sätze wie „Das muss doch heute nicht mehr sein“, fallen heute angesichts der fortschreitenden Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik noch häufig, wenn Frauen Kinder mit Behinderung auf die Welt bringen.

Kurt Juster der Gründer


Gegründet wurde der Verein 1956 von dem jüdischen Schauspieler, Journalist und Literaturkritiker Kurt Juster als Reaktion auf die menschenunwürdige Behandlung seiner spastisch gelähmten Tochter Nina. Kinder mit Behinderung hatten zu dieser Zeit weder Zugang zu Bildung noch zu einem Beruf. 1996 wurde der Spastikerverein umbenannt in „Leben mit Behinderung“, um ausdrücklich alle Menschen mit Behinderung und ihre Eltern anzusprechen. Der Verein unterstützt rund 900 Erwachsene in ihrem Wohnalltag, mehr als die Hälfte von ihnen lebt in ihrer eigenen Wohnung oder einer Hausgemeinschaft. In der Familienentlastung werden außerdem rund 600 Eltern mit behinderten Kindern unterstützt und jährlich werden betreute Ferien organisiert. Der Verein unterhält acht Tagesstätten, das Atelier Freistil und eine Lernwerkstatt, in denen mehr als 250 Menschen arbeiten.
Am 17. Juli, ab 14 Uhr, wird bei „Leben mit Behinderung“ Hamburg zum Jubiläum das Brunnenfest mit Musik und Kinderprogramm gefeiert. Am 28. September sind Eltern eingeladen zu dem Impulsreferat „Ich will so werden wie ich bin“ von Udo Sierck, Aktivist der Behindertenbewegung.

Weitere Infos: Telefon 270 790 0, Internet: www.lmbhh.de
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