Ehrenamtsprojekt am Ende?

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Protestieren gegen das Aus für ihr erfolgreiches Projekt: Arsim Hyseni, Brigitte Harmester und Pajman Ghafuri (v. l.) Foto: Haas
 
Brigitte Harmester (links) mit „ihrem“ jungen ShS-Team. Im Vordergrund verwunderte Schützlinge Foto: Haas

Carl-Cohn-Schule: „Schüler helfen Schülern“ nicht mehr zeitgemäß

Alsterdorf/Winterhude Die Nachricht sei ihr vorgekommen wie eine Ohrfeige, sagt Brigitte Harmester (67). Denn das seit elf Jahren erfolgreiche Projekt „Schüler helfen Schülern“ (ShS) soll im Sommer eingestellt werden. Angeblich sei es nicht mehr zeitgemäß. „Das klingt zynisch und würdigt unsere Arbeit herab“, sagt die Seniorin. Ratlose Jugendliche am Haupteingang der Carl-Cohn-Schule stimmen ihr zu. Seit Jahren sind sie im Projekt „Schüler helfen Schülern“ (ShS) tätig. n zwei Nachmittagen pro Woche leisten sie abwechselnd Freiwilligenarbeit, beaufsichtigen Kinder nachmittags bei ihren Hausaufgaben und gestalten mit ihnen danach die Freizeit. Auch bei Kummer oder Konflikten sind sie erste Ansprechpartner (das Wochenblatt berichtete). „Dabei übernehmen sie Verantwortung, zeigen Verständnis für die Kinder, und sie haben Vorbildfunktion“, bescheinigt Brigitte Harmester „ihren“ Jugendlichen.

Tausende Stunden


Seit sieben Jahren unterstützt die Seniorin das ShS-Projekt nachmittags, nachdem sie einem Aufruf im Radio zum ehrenamtlichen Engagement folgte. Tausende von Stunden war sie vor Ort, beschaffte auch Bücher und andere Sachspenden, backte Kuchen und Kekse. Mit kleinen Geschenken aus ihrem Bekanntenkreis sorgte sie für Weihnachtsstimmung. Die Geldspenden ihres Mannes stopften so manches Loch in der Kasse, für Theaterbesuche, kleine Ausflüge oder die Anschaffung von Spielzeug. Einzelnen Kindern widmete sich Brigitte Harmester besonders intensiv: so etwa Flüchtlingskindern bei der Sprachförderung. Oder bei Lernproblemen. Einer ihrer Schützlinge war Pajman Gharfuri, dem anfangs die Hausaufgaben große Probleme bereiteten. „Oft über Stunden brachte ich nichts zustande, und ich wurde ausgelacht“, erinnert sich Pajman. Mit Brigittes Unterstützung schaffte er es, seine Hausaufgaben zügig zu erledigen. Nach dem vierten Schuljahr bekam er sogar eine Empfehlung fürs Gymnasium, erklärt der heute 15-jährige Heinrich-Hertz-Schüler stolz. Deswegen engagiert sich der Junge mit afghanischen Wurzeln jetzt selbst bei ShS – in „seiner“ Grundschule. Seit elf Jahren läuft das ShS-Projekt, neben Pajman stammen noch andere ältere Schüler, die früher selber gefördert wurden, aus der Carl-Cohn-Schule.
Arsim Hyseni (18) arbeitet bei ShS, weil er als Kind aus dem Kosovo ohne Deutschkenntnisse keine Förderung erfuhr. Seit über zehn Jahren besteht das ShS-Projekt, 2008 wurde es von der „Budnianer Hilfe“ ausgezeichnet. Für die Schulbehörde, damals unter Christa Goetsch, war ShS ein „beispielhaftes Projekt: Aufeinander zugehen, voneinander lernen“. Unterstützung kam auch vom Rotary Club.

Unverständnis


Aber was ist jetzt bloß los an der Carl-Cohn-Schule? Die Ehrenamtlichen können die Gründe für die Einstellung ihres Projekts nicht fassen. Die Informationen über das Ende von ShS kommen aus dritter Hand, bleiben undurchsichtig und kaum nachvollziehbar. Auf Nachfrage kommt die Auskunft aus dem bezirklichen Jugendamt: „Nach Auskunft des Trägers hat die Schulleitung der Grundschule Carl-Cohn-Straße die Zusammenarbeit mit dem Projekt „Schüler helfen Schülern“ kurzfristig zum Schuljahreswechsel im August 2015 aufgekündigt.“ Möglicher Hintergrund sei das veränderte Grundschulprofil in Richtung Ganztagsschule. Die Carl-Cohn-Schule habe einen anderen Träger „Kinderforum“ für die Betreuung der Schüler nach dem Unterricht angeworben, der neben pädagogischen Mittagstischen auch Hausaufgabenbetreuung, Neigungskurse und Freizeitangebote anbiete. Schulleiter Frank Beuster spricht von einer „neuen schulischen Wirklichkeit“ und erklärt dazu: „In Zeiten der Inklusion sei eine spezielle Gruppe von bedürftigeren Kindern nicht mehr durchsetzbar.“ Beuster schlägt vor, dass es „die sehr hilfreiche Kooperation mit den jungen Menschen aus dem ShS-Projekt auch weiterhin geben kann, dann aber optional für alle Kinder des GBS-Nachmittags.“
Dann wäre es nach Brigitte Harmesters Meinung doch nur nett und an der Zeit, wenn die Beteiligten endlich direkt miteinander ins Gespräch kämen... (wh)
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