„Eine Flanke muss dosiert sein“

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Charly Dörfel hatte in Uwe Seeler einen kongenialen Partner beim HSV, nicht nur auf diesem Gemälde Foto: Hoyer
 
Kick it like Charly: Dörfel beim Elefantenfußball Foto: Hoyer

HSV-Legende Gert „Charly“ Dörfel über Fußball, Clowns – und seinen Schwager

Von Christian Hanke
Rotherbaum
Am Rothenbaum, im alten HSV-Stadion, blühte er zu Deutschlands bestem Linksaußen auf, war der Liebling der Massen und Flankengeber für Uwe Seeler. Gert „Charly“ Dörfel, der 1958 bis 1971 für den HSV Fußball spielte, ist schon eine echte Legende. Wegen seiner genialen sportlichen Fähigkeiten und seinem losen Mundwerk. Der begnadete Fußballer hatte immer einen kessen Spruch auf den Lippen, begeisterte mit beiden Eigenschaften die Fans. „Charly gibt die Flanke, Uwe köpft ihn rein“, hieß es in den 1960-er Jahren am Rothenbaum. Mit diesen beiden Stürmerstars gewann der Hamburger SV 1960 die deutsche Meisterschaft und drei Jahre später den deutschen Pokal. Zuhause bei Charly Dörfel, der seinen Spitznamen von der Comicfigur Charly Brown hat: Im Legendenzimmer, einem echten Museum, hängen HSV-Trikots und viele Fotos des Hausherren aus seiner langen Fußball-Laufbahn, aber auch von Charly, dem Clown und Entertainer. Zusammen mit Caterina Valente feixt er in die Kamera. In der Mitte eine Jukebox. Gegenüber einige der beinahe 6.000 Schallplatten. Daneben eine fast lebensgroße Elvis-Presley-Figur. Charly Dörfel, der Musikliebhaber, Elvis-Fan und Sänger. Seine zweite Leidenschaft. „Ich habe in einer Band gesungen, wir waren die Raimondos“, erzählt der immer noch stets zu Scherzen aufgelegte 76-Jährige. Auch eine Single hat er aufgenommen (Das kann ich dir nicht verzeih’n/ Erst ein Kuss). „Als Clown hätte ich eine Riesenkarriere machen können. Zirkus Krone wollte mich unter Vertrag nehmen“, berichtet Dörfel. Eine Managerzeitung zeichnete ihn mit dem „Goldenen Clown“ aus. Selbst während der Fußballspiele ließ Dörfel die Clownerie nicht, war immer ’mal mit dem Publikum, das am Rothenbaum noch direkt am Spielfeldrand saß, im Dialog.

VfB Lübeck war erste Adresse


Im Fußball hat er sie gemacht, die Karriere. Der Weg zum HSV war allerdings nicht vorgezeichnet. Das Talent des aus einer Fußballfamilie stammenden Dörfel, sein Vater Friedo und dessen Bruder Richard spielten bereits erfolgreich für den HSV, war zwar schnell erkannt, doch Charlys Weg sollte eigentlich zum VfB Lübeck führen. Der spätere Flankengott kickte zunächst für den Polizei SV Hamburg. Sein Vater war sich schon mit den Lübeckern über einen Wechsel einig, der Vertrag war bereits aufgesetzt. Doch im Pokalspiel gegen die HSV-Amateure, das Polizei 1:3 verlor, machte der junge Gert Dörfel „ein Riesen-Spiel“ und erzielte das einzige Tor. „Da rief der damalige HSV-Trainer Günter Mahlmann zu meinem Vater rüber: Du hast ja noch einen Sohn. Wir brauchen dringend einen Linksaußen“, erzählt Dörfel, der auf diese Weise wie Vater und Onkel auch beim HSV landete. Nach einem Jahr bei den Amateuren spielte Dörfel in der ersten Mannschaft, damals Oberliga Nord, und avancierte schnell zum Stammspieler.
Zwei Jahre nach seinem Einstieg beim HSV hielt er die Meisterschale in den Händen. Was hatte der Linksaußen Dörfel, was die anderen nicht konnten? „Ich war sehr schnell und technisch gut“, erzählt Dörfel und gibt dann einen Exkurs im Flankengeben: „Die meisten Außenstürmer flanken zu schnell. Eine Flanke muss dosiert gegeben werden. Sie muss über die Verteidiger gehoben werden und dann fallen. Das kann man nicht lernen.“ Nur der Brasilianer Zé Roberto hätte das genauso gekonnt wie er, verrät der Linksaußen. Dörfels Künste sah auch Bundestrainer Sepp Herberger und holte ihn in die Nationalelf. Doch für Deutschland spielte der geniale Flankengeber nur elfmal. Obwohl er in zwei Qualifikationsspielen zur Weltmeisterschaft in Chile drei Tore erzielte, nahm ihn Herberger nicht mit nach Südamerika. Auch bei Nachfolger Helmut Schön hatte der Hamburger Außenstürmer schlechte Karten. „Ich war der Spaßvogel, habe immer Witze gemacht. Das mochte vor allem Helmut Schön gar nicht“, erzählt Charly Dörfel. Den Nationaltrainern galt er offenbar als nicht solide genug, obwohl er nicht rauchte und keinen Alkohol anrührte. Andere Trainer haben ihn geprägt. In erster Linie Günter Mahlmann, der HSV-Meistermacher von 1960, und dessen Nachfolger Martin Wilke. „Mahlmann war ein großer Pädagoge, ebenso Martin Wilke, mit dem ich noch heute Kontakt habe“, schwärmt der Fußballstar. Im ersten Bundesligaspiel des HSV 1963 setzte Dörfel wieder eine Marke. Er schoss das erste Bundesligator des HSV. „Es war kurz vor Schluss. Wir lagen 0:1 bei Preußen Münster zurück und hatten uns schon mit einer Niederlage abgefunden. Deshalb orientierte ich mich schon in Richtung Kabine, die hinter dem Tor von Münster lag. Da kam eine Flanke von Ernst Kreuz. Stapelfeld sprang hoch, drückte einen Verteidiger weg. Der Ball sprang neben mir auf und ich nickte ihn rein“, erzählt der pfiffige Stürmer.

Karriereende bei Barmbek-Uhlenhorst


Seine Karriere ließ Dörfel in Südafrika und am Ende bei Barmbek-Uhlenhorst ausklingen. „Ich bin wegen der Tiere nach Südafrika gegangen“, bekennt Dörfel. Über 800 Spiele hat er bestritten. Und nie nur vom Fußball gelebt. Dörfel war auch zu Bundesligazeiten noch teilzeitbeschäftigt - als Vollziehungsbeamter des Wirtschafts- und Ordnungsamtes im Ortsamt Stellingen. Heute bleibt er dem Spielbetrieb fern, geht selten ins Stadion. Lieber hält er sich in seinem schönen Haus im Süden von Hamburg auf, mit seiner Frau Lidia, mit der er seit 19 Jahren zusammen und seit 2004 verheiratet ist. Durch sie hätte er sich beim HSV noch einmal spektakulär in Szene setzen können. Der Bruder seiner Frau kannte einen talentierten polnischen Stürmer, den Dörfel dem HSV nur zu gern angeboten hätte. Doch die Hamburger lehnten ab. Sein Name: Robert Lewandowski.
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