Engagiert für Obdachlose

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Julien Thiele (24, l.) und Sören Kindt (23) sind Ansprechpartner für die Bewohner des Winternotprogramms Foto: Flüß
 
Noch bis 31. März beherbergen Container Obdachlose am Alsterdorfer Markt Foto: Flüß

In der Winternotunterkunft in Alsterdorf haben Studenten regelmäßig Dienst

Von Miriam Flüß
Alsterdorf
„Dieses Jahr bekommen wir viele Spenden aus der Kleiderkammer der Messehallen, das ist ein echter Luxus“, freut sich Julien Thiele. Der 24-jährige Student betreut zusammen mit seinen Kommilitonen der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) das Winternotprogramm für Wohnungslose am Alsterdorfer Markt. In einem blau gestrichenen Regal im Verwaltungs-Container stapeln sich ordentlich zusammengelegt Handtücher, Jacken, Hosen und andere Kleidungsstücke. Acht wohnungslose Männer teilen sich von November bis März jeweils zu zweit vier Container auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf. Neben dem Verwaltungs-Container gibt es außerdem einen Sanitär-Container. Der Putzplan an der Wand verrät, welcher Bewohner wann für die Reinigung zuständig ist. Eine Hausordnung hilft in mehreren Sprachen bei der Orientierung im Zusammenleben. Erstellt wurde sie von Studierenden des Studiengangs Soziale Arbeit der HAW. Julien Thiele ist im zweiten Jahr dabei. Seinen Dienst teilt er sich heute mit seinem Kommilitonen Sören Kindt (23). Jeden Tag sind für jeweils eineinhalb Stunden insgesamt neun Studierende als Ansprechpartner vor Ort. Immer wieder klopft es an die Tür, Männer stecken ihre Köpfe in den Container und fragen höflich in gebrochenem Deutsch, ob sie sich eine Tasse Kaffee nehmen dürften. „Anfangs mussten wir auf die Männer zugehen, nun kommen sie von selbst auf uns zu. Sie brauchten ihre Anlaufzeit“, beobachtet Julien Thiele. Die Schlaf-Container der Bewohner zu betreten, ist für die Studenten tabu: „Die Menschen brauchen Raum, um Privatheit zu erfahren. Nach dem Leben auf der Straße müssen sie erstmal runter kommen, sich aufbauen und Kräfte sammeln“, so Sören Kindt. Vorwiegend aus osteuropäischen Ländern wie Rumänien, Bulgarien, Ungarn oder Polen kommen die Bewohner, die über die Tagesaufenthaltsstätte in der Bundesstraße nach Alsterdorf vermittelt werden.
Über ihr Schicksal wissen Julien Thiele und Sören Kindt wenig: „Die Lebensgeschichten kennen wir gar nicht genau, weil sie für uns keine Rolle spielen. Außerdem ist die Kommunikation schwierig und für die Männer sind praktische, aktuelle Fragen wichtiger.“ Einige haben ihre Familien zurückgelassen und sind in Hamburg auf der Suche nach Arbeit, andere seien nach der Trennung von Frau oder Freundin oder aufgrund von Verschuldung obdachlos geworden. Das Zusammenleben klappt gut, finden die Studenten: „Die Container sehen super sauber aus, zu Weihnachten haben einige Bewohner sie sogar dekoriert. Mit Alkohol oder Drogen haben wir hier keine Probleme, eher mit unterschiedlichen Definitionen vom Verhalten mit Menschen“, erzählt Julien Thiele. So hätte ein Bewohner den Sanitär-Container unter Wasser gesetzt, als er beim Waschen seiner Wäsche die Abflüsse verstopft hat: „Viele haben keine 50 Cent, um ihre Wäsche in der Tagesaufenthaltsstätte zu waschen“, so Julien Thiele.

Nachbarn bringen Essen


Die strengen Richtlinien, die viele Winternotunterkünfte hinsichtlich Deutschkenntnissen oder Alkoholabhängigkeit als Zugangsberechtigung aufgestellt haben, gelten am Alsterdorfer Markt nicht: „Die Richtlinien passen nicht zur Realität. Viele Obdachlose trinken, um sich zu betäuben und das Leben auf der Straße zu bewältigen. Wir sind offen und trauen uns das zu“, sagt Sören Kindt. Auch die Alsterdorfer reagieren positiv auf die Unterbringung: „Die Nachbarn sind super! Gleich in den ersten Tagen kam ein Anwohner und hat Essen vorbeigebracht“, freut sich Julien Thiele. Dass die Container Ende März abgebaut und die Männer dann wieder auf die Straße gesetzt werden, tut den Studenten jetzt schon leid: „Wir brauchen sozialen Wohnungsbau und soziale Beratung direkt an den Standorten“, findet Sören Kindt. Einer der Bewohner hat beispielsweise in den vergangenen Wochen eine Arbeit gefunden. „Aber ob er die halten kann, wenn er wieder auf der Straße lebt?“, fragt sich Sören Kindt.
Das Winternotprogramm startet jährlich am 1. November und endet am 31. März. Laut Sozialbehörde (BASFI) nahmen Ende Januar dieses Jahres 975 Personen einen der 1.040 Schlafplätze in Anspruch. „Die Wohn-Container der Kirchengemeinden im Winternotprogramm sind immer voll ausgelastet“, so BASFI-Sprecher Marcel Schweitzer. Immer mehr Zuwanderer nehmen das Programmm in Anspruch.
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