Forschen über Leben mit Handicap

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Kann die Disability Studies auch Nicht-Wissenschaftlern anschaulich erklären: Dr. Esther Bollag Foto: flü
 
Mit viel Humor stellt das Zedis zentrale gesellschaftliche Fragen auf eigens produzierten Postkarten dar Repro: flü

Theologin Esther Bollag leitet das Zentrum für Disability Studies in Hamburg

Von Miriam Flüß
Winterhude
„Ich kann schnell denken und sprechen, alles andere geht langsam“, sagt Esther Bollag und lacht. Die promovierte Theologin aus Winterhude leitet seit April 2014 das Zentrum für Disability Studies in Hamburg. An der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie forscht Esther Bollag mit fünf Mitarbeitern über die Lebensbedingungen von Behinderten. „Die Selbstbetroffenheit ist ganz wichtig“, betont die Wissenschaftlerin, die 1952 mit einer feinmotorischen Störung der Hände in Zürich zur Welt kam. Seit einem Bandscheibenvorfall benutzt sie einen Rollstuhl. „Eine Forschung über uns gibt es schon lange. Wir müssen die Definitionen von anderen hinterfragen und aus der Objektrolle in die Subjektrolle kommen. Nichts über uns ohne uns!“ Disability Studies sind ein interdisziplinärer, politisch verstandener Wissenschaftsansatz, der in den 1980-er Jahren aus dem Kampf der internationalen Behindertenbewegungen entstanden ist. Ähnlich wie die Gender Studies gehen die Disability Studies davon aus, dass Behinderung kein natürlicher, unabänderlicher Zustand ist. „Das deutsche System wird von dem medizinischen Denkmuster beherrscht, dass ein Mensch ein Problem hat und Hilfsmittel braucht“, erklärt Bollag. „In dem sozialen Modell ist aber nicht der Mensch behindert, sondern erwird von der Umwelt behindert.“ Dies verdeutlicht sie an einem persönlichen Beispiel aus dem schneereichen Hamburger Winter vor vier Jahren. Da die Stadt nicht genug Mittel für die Stadtreinigung bereit stellte, um die Schneemassen vor dem Haus zu räumen gab es für Esther Bollag keine Chance, aus der Wohnung ins Taxi und zu ihrer Arbeitsstelle zu kommen. „Ich musste meinen Chef anrufen und sagen, dass ich von Zuhause arbeiten muss. Da frage ich mich: Wer ist behindert – ich oder die Stadt Hamburg?“ Mit der Barrierefreiheit rund um ihre Wohnung in der Bebelallee ist die Wissenschaftlerin zufrieden: „Die Einkaufsmöglichkeiten sind nicht schlecht, der Markt ist in der Nähe und das Winterhuder Forum ist barrierefrei.
Viele Geschäfte haben allerdings Stufen. Auch die Verkehrsanbindung ist gut, der U-Bahnhof Lattenkamp hat einen Aufzug. Allerdings ist der auch schon monatelang ausgefallen.“

Fehlendes Bewusstsein


Die Wissenschaftlerin beschäftigt sich auch mit dem kulturellen Modell von Behinderung, das hinterfragt, wie Menschen über Behinderung denken, denn „Be- und Enthinderung beginnt in den Köpfen.” Esther Bollag erkennt viel guten Willen, aber auch viel Unwissenheit. Nicht zuletzt bei sich selbst: So hatte sie auf die Einladung zu einer Veranstaltung nur eine Telefonnummer für die Anmeldung gedruckt, an eine E-Mailadresse für Kollegen mit Hörbehinderungen jedoch nicht gedacht. Als Rollstuhlfahrerin erlebt sie selbst häufig ein solches fehlendes Bewusstsein beispielsweise auf Empfängen mit hohen Stehtischen. Inklusion erfordere neben Zeit, Organisation, Fantasie und Know how vor allem aber Geld. „Wenn man die finanziellen Mittel von Anfang an richtig einsetzten würde, könnte man klotzen statt kleckern“, ist sich die Wissenschaftlerin sicher, die im vergangenen Jahr um die Finanzierung des Zedis zittern musste. Die Universität Hamburg hatte sich als Träger zurückgezogen, bis 2017 ist die Zukunft des Zedis durch die Evangelische Hochschule gesichert.

Weitere Informationen und eine Übersicht der Lehrveranstaltungen gibt es unter: www.zedis-ev-hochschule-hh.de
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