Geheimnisse der Jarrestadt

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In der Stammannstraße wurde der Denkmalschutz der Schumacher-Bauten ignoriert: davon künden die Balkonbrüstungen ohne Klinker Foto: Flüß
 
Gut besucht: Rundgänge durch die Jarrestadt Foto: Flüß

Archiv des berühmten Schumacher-Areals bietet interessante Führungen

Hamburg. „Bonzenburg“ wurde die Jarrestadt von einigen Hamburger Kommunisten bei ihrer Entstehung genannt. Dabei sollte das ehrgeizige Neubauprojekt von Stadtplaner Fritz Schumacher, das von 1927 bis 1930 zwischen Osterbekkanal und Goldbekkanal sowie zwischen Wiesendamm und Barmbeker Straße entstand, gerade Arbeitern eine Heimat bieten. Seit 1991 widmet sich im Jarrestadt-Archiv eine Gruppe von Geschichtsenthusiasten dem in sich geschlossenen Winterhuder Areal. Seit mehr als 20 Jahren bieten die ehrenamtlichen Mitarbeiter Rundgänge durch die Jarrestadt an, bei denen auch alteingesessene Winterhuder noch viel Neues erfahren können.

Luftiges Arbeiterquartier

In unmittelbarer Nähe der Fabriken am Osterbekkanal schuf Fritz Schumacher etwas sensationell Neues für die Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts, wie Ulrike Sparr vom Jarrestadt-Archiv den zahlreichen Zuhörern erläutert. Hinter dem für Schumacher charakteristischen Rotklinker, der sich architektonisch bewusst vom Historismus absetzte, entstanden familiengerechte 50 bis 60 Quadratmeter große Wohnungen, die nicht nur über Küche und Bad verfügten, sondern endlich auch die Möglichkeit zum Durchlüften boten. Das war in den engen, stickigen Arbeiterwohnungen mit nur einem Fenster bis dato nicht die Norm. Eine riesige Erleichterung boten auch die Waschküchen in den Wohnblöcken, in denen teils Waschmeister bei der Vorwäsche behilflich waren. Im Otto-Stolten-Hof ist eine solche noch zu sehen. Auch die Innenhöfe und grünen Achsen zwischen den Kanälen waren eine echte Neuheit. Auch wenn Schumacher nicht nur aus Kostengründen auf Fassadenschmuck verzichtete und strenge, kubische Formen in der Architektur bevorzugte: Am Ende wurde die Jarrestadt, die nach der angrenzenden Jarrestraße benannt wurde, doch teurer als geplant.

Grüne Innenhöfe

Für viele einfache Arbeiter zu teuer, sodass „Bewohner vom Facharbeiter aufwärts hier einzogen. Auch viele Handwerker und Lehrer waren dabei“, so Sparr. Es geht vorbei an Jarrestadt-Relikten wie den vier Haustüren im Jean-Paul-Weg, die zwar alle nur in ein Treppenhaus führten, gleichzeitig aber Durchgang zu den verbindenden Achsen sein sollten. Und am grünen Innenhof in der Stammannstraße, wo der Denkmalschutz durch neue verputzte Balkonbrüstungen ignoriert wurde. Vor dem Drogeriemarkt in der Jarrestraße erfahren die Teilnehmer, dass hier bis 1969 großes Kino über die Leinwand flimmerte, im Europa-Palast mit 850 Plätzen. Das benachbarte italienische Restaurant beherbergte die legendäre Kneipe „Braubach“, während des NS-Regimes wurden dort zeitweise Zwangsarbeiter untergebracht. Angerissen werden auch die Spuren weiterer Opfer der Nazi-Diktatur: Am Glindweg erinnert ein Stolperstein an den Kommunisten Franz Jacob, der 1944 von den Nazis enthauptet wurde. Unter unklaren Umständen starb 1933 Adolf Biedermann, einer der prägenden Sozialdemokraten. „Das war hier immer ein politisch aktives Viertel“, sagt Sparr. Vor der Stadtteilschule Winterhude, damals als Reformschule von Fritz Schumacher eine weitere Neuerung, erinnern zwei Steinskulpturen an zwei jüdische Lehrerinnen, die von den Nazis deportiert wurden. Auch die Reformschule war nicht im Sinne des Regimes. Sie war eines von Schumachers letzten großen Projekten, 1933 wurde er von den Nationalsolzialisten entlassen.
Das Jarrestadt-Archiv im Wiesendamm 123 ist nach telefonischer Vereinbarung geöffnet, Kontakt unter Tel.: 279 18 17 und info@jarrestadt-archiv.de. Informationen zu den Rundgängen: jarrestadt-archiv.de (flü)
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