Hamburg: Allein unter Schafen

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Journalistin Dagmar Gehm aus Hamburg treibt seit Jahren in Tirol die Schafe von der Alm – als ehrenamtliche Hilfshirtin
 
Ein müdes Schaf wird vom Treiber gertagen

Als Hilfshirtin ehrenamtlich in den Tiroler Alpen unterwegs

Hamburg. Schon im Herbst sind die Almen bei Vent im Ötztal weiß – wollweiß von Tausenden von Schafen. Und mittendrin die Journalistin Dagmar Gehm aus Hamburg-Rotherbaum, die seit vielen Jahren als Hilfshirtin die Tiere mit zusammentreibt und sie auf dem spektakulärsten Schafübertrieb der Welt begleitet.

Von Dagmar Gehm
Null Bock hat der Bock. Nicht einen Zentimeter weiter mag er gehen. Und mit ihm die ganze Herde. Ich versuche, ihn anzuschieben und stemme mit aller Kraft. Doch der prächtige Leithammel zeigt mir deutlich, wer hier das Sagen hat: er. Also packe ich den Widerspenstigen an den gebogenen Hörnern und zerre ihn in die gewünschte Richtung. Bis er sich in Bewegung setzt. Beobachtet von feixenden Hirten mit Ferngläsern.
Rund 2.000 Schafe werden im Herbst bei der Martin-Busch-Hütte auf 2.501 Metern zusammengetrieben. In endloser Reihe überwinden sie den Alpenhauptkamm, grenzübergreifend vom Ötztal ins Schnalstal, von Tirol nach Südtirol, von Österreich nach Italien. 515 Höhenmeter müssen sie über den Similaungletscher bis zur Passhöhe des Niederjochs auf 3.019 m marschieren und danach 1.300 Höhenmeter wieder hinunter bis nach Vernagt am See. 2011 wurden die beiden Schafübertriebe, die in ein paar Kilometer Entfernung voneinander stattfinden, in das UNESCO-Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich aufgenommen.
Ein Vertrag aus dem Jahr 1415 sichert den Südtiroler Bauern die seit Jahrtausenden überlieferten Weiderechte in Tirol. Unter Aufsicht vom „Oberhirten“ Elmar Horrer verbringen die Schafe den ganzen Sommer auf den Almen.
Wie ich als Hamburgerin dazu gekommen bin? Ein paarmal habe ich den Übertrieb einfach nur begleitet. Mich dann jedes Mal mehr eingebracht, bis mir als Ritterschlag die bestickte blaue Schürze umgehängt wurde. Jetzt bedarf es nur eines einzigen Lockrufs per Telefon: „Kimmscht?“, schon beame ich mich in Gedanken in die Berge.
Schon Tage vor dem Übertrieb starten wir morgens um fünf Uhr mit Stock und Stirnlampe in hochgelegene, teils verschneite Almregionen – Schafe suchen. Noch ist es stockdunkel, noch sehe ich nicht, wie steil die Hänge abfallen. Weit schreiten die Männer aus, weit lassen sie mich bald hinter sich. Irgendwann gibt es keinen Pfad mehr, nur noch Einsamkeit. Keine Männer, keine Schafe.
Außer mir scheint bloß ein kreuzlahmes Lamm zu spüren, dass es bergab leichter geht als bergauf. Plötzlich springt es putzmunter die Böschung hinunter zum reißenden Wildbach. Ich blende meine Höhenangst aus, bis es mir gelingt, es einzufangen. Danach salze ich Lecksteine, helfe beim Gipsen gebrochener Läufe und beim Markieren neugeborener Lämmer. Und lasse mich von Wanderern fotografieren, die mich mit Schürze, Filzhut und Hirtenstab für eine typische Tiroler Schäferin halten. Nur sprechen darf ich kein Wort, um meine Herkunft nicht zu verraten. Das ist für mich die schwerste Prüfung!
Sonnabend früher Morgen. Eingeteilt von „Chefschäfer“ Elmar setzt sich der lange Tross aus Treibern und Schafen in Bewegung. Von uns, den Streckenpfosten, durch Bachfurten geleitet, von Hirtenhunden aus Felshängen gebellt. Über den eisigen Gletscher und dann wie Perlen an der Schnur auf gefährlich schmalen Serpentinen wieder bergab. Nach der glücklichen Ankunft von Tier und Mensch in Vernagt wird beim Wiesenfest zünftig gefeiert. Nur Elmar wird nach ein paar Tagen nochmal zu den Almen aufsteigen, um nach restlichen Schafen zu suchen. Er wird nicht alle finden, denn etwa zwei Prozent „frisst der Berg“.
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