Hamburg: Kreativ sein im Tagewerk

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Matthias Wolters (li.) und Klient Karsten vor ihrem Phoenix-Druck: „Das ist das Symbol der Auferstehung für die Menschen hier, die Lebenskrisen hinter sich haben.“ Fotos: Flüß
 
Karsten malt und steht auch als Schauspieler auf der Kampnagel-Bühne

Tagesförderstätte Alsterassistenz West in der Jarrestadt unterstützt psychisch Kranke

Hamburg. „Inklusion funktioniert am besten, wenn keiner etwas mitkriegt“, resümiert Matthias Wolters von der Alsterdorf Assistenz West. Vor drei Jahren zog die Tagesförderstätte „Tagewerk Jarrestadt“ für Menschen mit erworbenen Hirnschäden und psychischen Erkrankungen in die Jarrestraße 27 - 29. In den hellen, freundlichen Galerie- und Atelierräumen bieten Künstler Matthias Wolters, Heil-Erzieher, Erzieher und eine Diplom-Grafikerin jeden Tag von 9 bis 15 Uhr ein kreatives, freies Angebot. Zusammen mit den Klienten, wie die Besucher des Tagewerks heißen, werden großformatige Drucke an der eigenen Tiefdruckpresse herstellt, Bilder gemalt oder Kupferstiche gefertigt. An den einzelnen Schritten bis zum fertigen Kunstwerk können sich die Klienten je nach eigenen Fähigkeiten beteiligen. „Niemand muss künstlerisch begabt sein, man kann auch stanzen oder ein Bild aufhängen“, sagt Wolters. Er weiß, was es bedeutet, nach dem Erwachen aus dem Koma mit einer Hirnschädigung weiterzuleben und dass es für seine Klienten schon eine große Herausforderung ist, überhaupt ins Tagewerk zu kommen und den ganzen Tag zu bleiben. Alle halten nicht so lange durch, einige der derzeit rund 15 Klienten kommen tage- oder stundenweise. Die Klienten sind zwischen 18 und 79 Jahre alt und aus verschiedenen Gründen ins Koma gefallen, ein Zuckerschock in Folge einer Diabetes ist ebenso darunter wie Autounfälle, Drogen-Überdosen oder nicht behandelte Verletzungen. „Einer unserer Klienten wurde Opfer einer Schlägerei. Der Täter bekam ein halbes Jahr, unser Klient lebenslänglich“, konstatiert Wolters. Im Tagewerk der Evangelischen Stiftung Alsterdorf werden diese Menschen bewusst nicht zusammen mit Menschen mit geistiger Behinderung betreut, das macht die Förderstelle einzigartig. „Unsere Klienten hatten einen anderen Lebensweg vor diesem Einschnitt. Ihr Selbstbild ist ein anderes, es dauert oft Jahre, bis sie diese besondere Situation annehmen können. Die Furcht, früher etwas gekonnt zu haben was sie nicht mehr bringen können ist sehr groß. Und Anforderungen zu erfüllen bedeutet Stress“, sagt Wolters. Die drei Vollzeit- und ein Teilzeitmitarbeiter des Tagewerks gehen deshalb individuell auf jeden ihrer Klienten ein: „Wir fragen immer: Wer ist das und was braucht derjenige?“ Vor dem Einzug vor drei Jahren mussten Matthias Wolters und seine Kollegen sich aber auch über ihre neuen Nachbarn in der Jarrestadt Gedanken machen und sich fragen, wie sie sich bekannt machen und mögliche Barrieren abbauen könnten. Die Entscheidung fiel deshalb auf das Atelier mit Galerie, in der Workshops angeboten wurden und auch Künstler aus der Nachbarschaft ihre Werke zeigen können.

Tolerante Nachbarn

„Wir haben großes Glück mit dem Stadtteil, die Nachbarn sind sehr tolerant, schauen spontan und zwanglos vorbei, der Kontakt ist völlig ungestelzt. Und auch die Geschäftsleute wissen, wer wir sind“, freut sich Wolters. Die Klienten können sich in der Jarrestadt frei bewegen, zusammen mit der Reformschule Winterhude arbeiten sie in einem Kunst-Workshop, Nachbarn helfen beim Flohmarkt und Klient Karsten steht einmal jährlich auf der Kampnagel-Bühne. „Inklusion funktioniert nur freiwillig. Wir sind absolut angekommen.“ Ziel des Tagewerks ist es, die Klienten fit für den ersten oder zweiten Arbeitsmarkt zu machen. „Dass es jemand auf den ersten Arbeitsmarkt schafft, ist aber eher ein Wunder als die Regel“, so Wolters realistisch. Besucher sind in der Galerie des Tagewerks Jarrestadt täglich von 9 bis 15 Uhr willkommen. (flü)
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