Hamburg: Simon der Grauganszähler

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Simon Hinrichs inmitten einer Graugans-Familie am Osterbekkanal Foto: Grewe
 
Gänse sollen Rom durch ihr Geschrei gerettet haben. In Hamburg fühlen sich die Tiere seit langem wohl Fotos: Grewe

Simon Hinrichs kümmert sich ehrenamtlich Vögel am Osterbekkanal

Von Elke Grewe
Hamburg. Über Graugänse weiß er so viel wie kaum ein anderer. Bereits seit 2005 ist Simon Hinrichs (24) ehrenamtlicher Graugans-Zähler und -Beringer. Jetzt wo die Graugans-Paare mit ihren Jungen in Scharen auf den Wiesen beim Osterbekkanal sind, bevor sie dann Ende Juni auf Reise in den Norden oder Richtung Süden nach Spanien ziehen, besucht der Vogelfreund „seine“ Graugänse täglich. Eine Tüte Futter hat er immer dabei und freut sich, wenn die Tiere sich scharenweise um ihn gruppieren.
Als Simon Hinrichs beim NABU (Naturschutzbund Deutschland) sein freiwilliges ökologisches Jahr absolvierte, entdeckte er seine Liebe zu den Graugänsen. Dabei erfuhr er auch, dass die Tiere im 19. Jahrhundert im norddeutschen Raum schon so gut wie ausgestorben waren.
In den 50er Jahren wurden in Hamburg wieder Graugänse angesiedelt, überwiegend aus Skandinavien und dem östlichen Europa. Mittlerweile gehören Graugänse zum Stadtbild wie die Alsterschwäne. Einmal im Jahr, ab Mitte April, brüten sie auf den Grünanlagen. „Jeder Vogel besitzt seine individuelle Persönlichkeit, bevorzugt bestimmte Parks und Brutreviere. Dank der Zutraulichkeit in den Parkanlagen können die verschiedensten Verhaltensweisen der Vögel aus unmittelbarer Nähe beobachtet werden“, so Hinrichs. „Wenn ein Gans-Ehepaar zum Beispiel seinen Partner verloren hat, sieht man das dem Tier sofort an. Es hat eine geduckte Haltung, frisst kaum “, so hat Martina Born beobachtet. Die 54jährige gelernte Krankenschwester ist seit 2009 ehrenamtliche Graugans-Helferin ist. Sechs ehrenamtliche Helfer gibt es in Hamburg. Gesucht werden noch jede Menge weiterer Helfer.

Älteste Graugans wurde 26 Jahre alt

Das gesammelte Wissen über die Graugänse in Hamburg und Umgebung hat man Hans-Joachim Hoff, gelernter Krankenpfleger, zu verdanken. Er gründete 1988 das Projekt „Gans Hamburg“. Und ihn lernte Simon Hinrichs bei einem Vortrag kennen. Im Auftrag der Vogelwarte Helgoland, das Institut für Vogelforschung, heute mit Sitz in Wilhelmshaven, erfassen die Helfer von „Gans Hamburg“ rund um die Alster die Bestände der Graugänse, zählen die Brutpaare und beobachten ihr Verhalten. Um genauere Daten über die Aktivitäten der Graugänse zu bekommen, wird jedes Tier beringt. Es erhält zwei Ringe: einen silbernen mit einer sechsstelligen Nummer der Vogelwarte Helgoland und einen blauen mit einer dreistelligen Nummer. „Viele Besucher in den Parks merken sich die Nummer ihrer Lieblings-Graugans und haben eine ganz persönliche Beziehung zu ihr“, hat Simon Hinrichs beobachtet Er ist neben Hans-Joachim Hoff offizieller Beringer der Tiere. Dafür musste er 2008 einen Lehrgang absolvieren. Die geschlüpften Graugänse erhalten bereits nach vier Wochen einen Ring. Dann sind die Füße groß genug.
Zirka 120 Graugans-Familien leben 2014 in den Hamburger Grünanlagen. Einmal wöchentlich werden ihre Ringe kontrolliert. Simon Hinrichs, der eigentlich bei einer Krankenkasse arbeitet, weiß: „Durch die Beringungen konnten wir herausfinden das fast alle Graugänse Ende Juni, zwei Monate nachdem die Kleinen flügge sind, Hamburg gen Ostseeraum oder nach Südeuropa verlassen. Sie tauchen dann im nächsten Frühjahr wieder in Hamburg auf. „Durch die Beringung hat man auch so kuriose Beobachtungen gemacht, dass sich eine Graugans-Familie regelmäßig Mitte August auf Fehmarn niederlässt. „Und als eine Graugans die ich schon tot vermutete, plötzlich nach zwei Jahren wieder auftauchte und am Ring erkannte, habe ich mich riesig gefreut“, erzählt Simon Hinrichs.

Graugänse entführen Küken

Auch das weiß man durch die Beringungen: Graugänse leben meist jahrelang mit demselben Partner zusammen, oft ein Leben lang. Die älteste Graugans in Hamburg starb letztes Jahr mit 23 Jahren, der Rekord liegt bei 26 Jahren, so alt wurde eine Graugans in Kopenhagen.
Das Leben der Graugänse wurde in den letzten Jahren detailliert erforscht: Man weiß inzwischen, Graugänse haben untereinander auch eine regelrechte Hierarchie. Paare, die in der Hierachie oben stehen, neigen dazu „schwächeren“ Graugans-Paaren nach dem Schlüpfen der Jungen diese zu „entführen“. Sie verjagen die schwächeren Eltern und „adoptieren“ quasi die Jungen einer anderen Familie. „Es kommt vor, dass eine Graugans-Familie bis zu 25 Jungen großzieht“, so Simon Hinrichs. Im Mai und Juni mausern die Graugänse. Dann erneuern sie ihr Schwungfedern. Während der Mauser können die Graugänse nicht fliegen. Sie bilden daher jetzt zu ihrer Sicherheit oft große Trupps. Einer der größten Mauserplätze ist die Außenalster.
Mit Sorge beobachtet Hinrichs die vielen Feinde der Graugans: „Hunde verletzen oft die Tiere so schwer, dass sie nicht mehr fliegen können. Und Freizeitangler sind auch eine Gefahr. Sie lassen manchmal achtlos den Angelhaken am Ufer liegen und die Graugans verletzt sich daran. Oder manches Tier hat sich auch schon an einer Angelschnur erhängt. Mit dem Paddel werden Graugänse bisweilen ebenfalls tödlich verletzt. “

Weitere Infos: gans-Hamburg.info
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