Hamburg: Späte Annäherung

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Felix Söring will mit seinem Buch Kindern von pflegebedürftigen Eltern Mut machen
 
Felix Söring kümmert sich seit acht Jahren um Vater Günter, der nach einem Schlaganfall gelähmt ist. Im Buch „Penne auf Herz“ beschreibt er die schwierige Annäherrung von Vater und Sohn durch die KrankheitFoto: flü

Ein bemerkenswertes Buch über (einen kranken) Vater und Sohn

Von Miriam Flüss
Hamburg. Felix Söring aus Winterhude ist Berufsschullehrer und bereitet angehende Einzelhandelskaufleute auf ihren Job vor. Aber auch in der Mathematik des Lebens kennt er sich bestens aus. Dass Minus und Minus immer Plus ergibt, hat der 47-Jährige bei dem späten Kennenlernen seines Vaters erlebt. „Wir hatten ein schwieriges Verhältnis mit vielen Differenzen. Es gab keine Nähe und keine Berührungspunkte“, erzählt Felix Söring, der erst mit 37 Jahren Erziehungswissenschaften studierte und vorher als Musiker, Musik-Journalist, Krankenpfleger und „freudlose Führungskraft“ einen bunten Lebenslauf hinlegte. Für Vater Günter, der eine Bank-Filiale leitete, schwer anzuerkennen. Erst nach einem Schlaganfall und vielen gemeinsamen Restaurant-Besuchen jeden Freitag beim Italiener am Stadtpark näherten sich Vater und Sohn einander an.
Was für Söring aus der Pflicht heraus, kein schlechter Sohn sein zu wollen, begann wurde „mein Highlight der Woche. Tragisches kann auch in Schönes münden.“
In „Penne auf Herz!“, seiner zweiten Veröffentlichung nach einem Kinderbuch, beschreibt Söring diesen Prozess über einen Zeitraum von acht Jahren mit zahlreichen tragischen und komischen Momenten – etwa am Beispiel vom „lahmen Otto“ und vom „flottem Hugo“.
„Mein Vater hat eine Weichheit durch die Krankheit bekommen, die ich vorher nicht kannte. Früher war er immer der Macher, jetzt kann er es annehmen, dass andere sich um ihn kümmern.“

„Um sich im Beisein von Tischnachbarn nicht in allzu offensichtlichen
Fäkalismen zu verlieren, mir aber seine darmtätigen Befindlichkeiten mitzuteilen überlegten wir uns eine Reihe von Synonymen und Alternativbegriffe wie flotter Hugo oder hurtiger Urs.“ Zitat aus „Penne auf Herz!“


Während seines Studiums hat Felix Söring als Krankenpfleger und Sterbebegleiter gearbeitet, deshalb weiß er, dass Krankheiten und Tod auch eine andere Sichtweise und schöne Momente beinhalten, die vielen nicht bewusst sind. „Ich wollte auch das Pflegerische entdämonisieren und zur Sprache bringen. Es muss nicht sein, dass das zum Tabu-Thema gemacht wird.“ Für Vater Günter ist das in Ordnung, er hat jedes Kapitel abgesegnet.
Wie es zu dem Titel kommt? „Weil wir immer beim Italiener essen und die Penne da das ein um andere Mal ganz wortwörtlich auf dem Herz – also eigentlich Hemd – meines Vaters landete...“ Felix Söring weiß, dass das Kennenlernen gleichzeitig auch zu einem Abschiednehmen wird. Sein Vater ist nun 80 und lebt in einem Seniorenheim an der Maria-Louisen-Straße. „Es ist okay, wenn es zuende geht. Es ist beachtenswert, mit wie viel Fassung und Mut er die Krankheit angenommen und sich die Schönheiten bewahrt hat.“
Nur der Physiotherapie verweigerte er sich standhaft obwohl zum damaligen Zeitpunkt durchaus noch berechtigte Hoffnung bestand, dass der „lahme Otto“, wie er sein paralysiertes Bein liebevoll zu nennen pflegte, sich irgendwann doch noch einmal regen würde. „Man muss akzeptieren, wenn jemand etwas nicht will und den Menschen so lassen“, hat Felix Söring dadurch auch für das Zusammenleben mit seinem mittlerweile 18jährigen Sohn Max gelernt: „Je mehr man fordert, desto weniger bekommt man!“

Felix Söring: Penne auf Herz! Erschienen bei Books on Demand, 12,90 Euro,
ISBN 978-3-7357-3833-2
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