Hamburg: Ungewöhnliches Leben nach dem Tod

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Ein plastinierter Mensch sitzt vor einem Schachbrett Fotos: Sichting
 
Eine plastinierte Familie scheint durch die Körperwelten-Ausstellung in Hamburg zu spazieren

Ein Rundgang durch die viel diskutierte Ausstellung „Körperwelten“ in der HafenCity

Hamburg. Zum zweiten Mal seit 2003 macht die viel diskutierte Ausstellung Körperwelten von Gunther von Hagens in Hamburg Station. Unter dem Titel „Körperwelten- Eine Herzenssache“ werden fünf Monate lang 200 Präparate zum Schwerpunkt-Thema Herz, darunter viele Ganzkörperplastinate, zu sehen sein. Rund 40 Millionen Menschen besuchten Hagens‘ Schauen weltweit seit 1995. Immer wieder sorgen die Ausstellungen für Aufsehen. Station machten sie in über 20 Ländern, waren in 90 Städten in Europa, Asien, Afrika und Amerika zu sehen. Nun also wieder Hamburg. Für das Wochenblatt besuchte Mathias Sichting die Körperwelten. Eine Premiere aus der Sicht des Reporters:

Störung der Totenruhe?

In der Kultur-Compagnie, Shanghaiallee 7, soll mein erster Termin mit dem Tod stattfinden. Die Kameraakkus sind geladen, der Notizblock steckt in der Jackentasche. Im Vorfeld der Ausstellungseröffnung haben Gunther von Hagens (69), selbst von Parkinson gezeichnet, und Angelina Whalley, Kuratorin und Hagens Ehefrau, zum Presserundgang eingeladen. Das Thema Körperwelten war mir bis zu diesem Zeitpunkt nur von Plakaten und Flyern bekannt. Richtig auseinandergesetzt hatte ich mich mit der Darstellung von Körperteilen und toter Menschen nicht.
Ein Kellergewölbe aus Backstein, Stille. Beim Betreten der dunklen Ausstellungsräume kommt mir als erstes der Gedanke an die schwierigen Lichtverhältnisse für die Fotos. Keine Assoziation mit dem Tod und der Vergänglichkeit. Eine große Schautafel mit dem Titel „Körperwelten- Eine Herzenssache“ führt den Besucher im Eingangsbereich ins Thema ein. Ein menschliches Herz pumpt 7.000 Liter Blut am Tag - wieder was gelernt. Dann stehe ich vor einer Vitrine mit einem faustgroßen Präparat aus roten Bindfäden. Bindfäden? Adern! Mit Spezialkunststoff ausgegossen.
In einer Ecke erspähe ich endlich ein Plastinat. Besser gesagt drei. Angeordnet wie eine Familie. Vater und Kind „gehen“ Hand in Hand, dahinter steht die Mutter. Bei dem Mann wurde wert auf die Präparierung des Muskelapparats gelegt. Die Muskelfasern leuchten in einem kräftigen Rot. Blaue, präparierte Augen blicken starr geradeaus. Endlich ein passendes Bildmotiv. Mein Objektiv kommt dem Brustkorb des Plastinats ganz nahe. Ich bin fasziniert. Diese feinen Fasern möchte ich gestochen scharf im Bild festhalten. Anders als die Besucher, für die es heißt: Gucken, aber Anfassen und Fotografieren verboten.
Ich halte inne. Ich realisiere, dass ich gerade einem toten Menschen derart nahgekommen bin, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ein leichter Schauer durchfährt meinen Körper. Habe ich gegen die Totenruhe verstoßen? Verstößt die gesamte Ausstellung gegen die Totenruhe? Was überwiegt - der medizinische Anspruch, die Aufklärung oder doch die Sensationslust? Ist letztere zulässig, um die Lust an der Information zu wecken? Später sehe ich Präparate beim Sex und einen lässigen Radfahrer mit Sonnenbrille. Insgesamt 20 Ganzkörperplastinate in verschiedenen dem Leben nachempfundenen Situationen werden hier noch bis Oktober gezeigt.
Ich bin hin und hergerissen. Die Augen der Plastinate blicken in den Raum. Stellt man sich in die Blickachsen, starren sie einen an. Doch sie wirken nicht anklagend. Vielmehr scheinen sie zu sagen: „Hier bin ich, schau mich an, informiere dich!“ Nach etwa 60 Minuten bin ich mit meinem Rundgang am Ende. Meine Gefühle sind gemischt. Die Ausstellung ist sehr interessant, erfordert aber auch ein wenig Mut. Die Idee eines Selfie, einer Eigenaufnahme mit einem Plastinat, kam mir zu keiner Sekunde.
Kuratorin Angelina Whalley erläutert: „Wir führen den Besucher schlichtweg durch den menschlichen Körper. Auf ihrem Weg durch die Ausstellung lernen sie leicht und verständlich die einzelnen Organfunktionen und häufige Erkrankungen kennen.“ Das oberste Ziel der Ausstellung sei die gesundheitliche Aufklärung. Einer Begründung, der ich am Ende weitgehend folgen kann. Ob die Schau aber wirklich für Kinder geeignet ist, wie es heißt? Vielleicht für Schulklassen älterer Jahrgänge in fachkundiger Begleitung.
Neun Körperwelten-Ausstellungen touren derzeit durch Amerika und Europa. Eine riesige Maschinerie. „Wir erwarten etwa 200.000 Besucher in Hamburg, freuen uns aber natürlich, wenn es mehr werden“, so die Kuratorin. 2003 kamen 490.000 Besucher in die Hamburger Ausstellung.

bis 15. Oktober, Montag-Freitag, 9 bis 19 Uhr, Sonnabend und Sonntag auf Termin, Shanghaiallee 7, Eintrittskarten: 19 Euro für Erwachsene, 15 Euro ermäßigte Personen, koerperwelten.de
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