Hamburger Autor: Wie Hitler sich inszenierte

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Historiker Volker Ullrich aus Hoheluft-Ost hat den ersten Teil einer neuen Hitler-Biografie fertiggestellt, für den zweiten Teil braucht er noch „ein paar Jahre“Foto: Hanke

Historiker aus Eppendorf legt neue Biografie des Diktators vor – und überrascht

Hamburg. Er hat es noch einmal gewagt. Volker Ullrich, Hamburger Historiker und seit vielen Jahren in Eppendorf und Hoheluft zuhause, hat die Katastrophengestalt der deutschen Geschichte noch einmal beschrieben. Der erste Band seiner Hitler-Biografie, der die Jahre 1889 bis 1939 behandelt, ist kürzlich erschienen. „Schon wieder eine Hitler-Biografie“ und „Ist nicht schon alles gesagt?“, lauten die ersten Reaktionen. Aufgrund der Flut von Literatur, der Filme und der Fernseh-Dokumentationen über das Dritte Reich und seinen „Führer“ gerade in den letzten zehn Jahren scheint eine gewisse Sättigung zu diesem Thema eingetreten zu sein. Doch Ullrichs Biografie bringt erstaunlicherweise Neues zu Tage.

Unbeachtete Dokumente

Der Historiker, der schon Biografien über Bismarck und Napoleon sowie eine bemerkenswerte Darstellung über das Deutsche Kaiserreich 1871-1918 schrieb, hatte eigentlich nur den Auftrag, für den renommierten S. Fischer-Verlag die Literatur des letzten Jahrzehnts über Hitler zusammenzufassen. „Ich habe lange gezögert“, sagt Ullrich dem WochenBlatt. Bald merkte er, dass die gestellte Aufgabe in Kurzform, 500 Seiten waren vorgesehen, nicht zu machen war. Er besuchte Archive und entdeckte Erstaunliches. Viele Nachlässe, Briefe und Tagebücher von Personen, die Hitler nahestanden, und Unterlagen aus Hitlers Alltag wie Rechnungen über Anschaffungen oder von Hotels, in denen er abstieg, waren noch nie ausgewertet worden. So entstand die Idee, eine weitere umfassende Hitler-Biografie zu schreiben. Mit dem Schwerpunkt auf der Person Adolf Hitler. Im Unterschied zu dem letzten Hitler-Biografen, dem britischen Historiker Ian Kershaw, der sich vor allem für die Strukturen und gesellschaftlichen Kräfte interessierte, die Hitler zu dem gemacht haben, was er wurde.
Ullrichs Resümee: Hitler hat seine Umgebung und alle, die sich bisher mit ihm beschäftigten, mehr genarrt als bisher angenommen. Unbestritten sind sein Machtinstinkt und seine rhetorischen Fähigkeiten. Doch Ullrich kommt zu dem Schluss, dass Hitler darüber hinaus ein talentierter Schauspieler war, der sich nahezu immer und überall perfekt inszeniert hat. Kaum noch zu zählen sind die Darstellungen, in denen über Hitlers Privat- und Sexualleben gerätselt wird.
Als verklemmt, asexuell oder homosexuell wurde er bereits charakterisiert, als ein Mann ohne Bindungen und Privatleben. Alles Inszenierung, sagt Ullrich. Hitler entwarf von sich das Bild des „Führers“, der allen irdischen Genüssen entrückt, nur für sein Volk tätig sei. Dabei führte er eine ganz normale Beziehung mit Eva Braun, die einflussreicher war, als bislang vermutet. Das schließt Ullrich aus vielen Zeugnissen der „Berghof-Gesellschaft“, wie er sie nennt, der Menschen, die Hitler auf den Obersalzberg, in seine Alpenresidenz begleiten durften. Das waren nicht unbedingt Parteigrößen, sondern Personen, die Hitler persönlich sympathisch waren und die zugleich ein gutes Verhältnis zu Eva Braun hatten – offenbar eine wichtige Voraussetzung für ihre Nähe zum „Führer“. „Hitler hatte ein reiches Privatleben, hatte Kontakte zu verschiedenen Frauen“, erzählt Volker Ullrich. Aus besagten Gründen habe er diese Seite seines Lebens aber mit dem Schleier der Diskretion umgeben. „Da sind die Historiker Hitler auf den Leim gegangen“, ist sich Ullrich sicher. Als Familienersatz dienten dem Diktator unter anderen die Familien Wagner in Bayreuth und Goebbels in Berlin, bei denen er ein- und ausging.
Ullrich glaubt noch weitere Charakterisierungen Hitlers als Klischees entlarvt zu haben. Zum Beispiel das Bild des verhinderten Künstlers, dem die Politik eigentlich eine Last war. Wieder ein Bild, das Hitler selbst erfolgreich von sich entworfen hatte.
„Hitlers Begabung lag auf dem Gebiet der Politik. Er war ein gerissener Taktiker, ein Verstellungskünstler hohen Grades. Das kann man vor allem in der Phase seines Aufstiegs sehen“, berichtet Ullrich. „Der König von München“ hat er deshalb diese Zeit zwischen 1919 und 1923 betitelt.

Hitler liebte Luxus

„Er wurde immer unterschätzt. Das durchzieht seine ganze Karriere“, findet der Historiker. Als ein weiteres Klischee bezeichnet Ullrich das Bild vom selbstlosen Asketen, dem schlichten Mann aus dem Volk. Aus vielen Rechnungen des „Führers“ konnte der Historiker ersehen, dass Hitler schon vor 1933 „ein luxuriöses Leben“ geführt hat.
Und auch ein später dargestelltes Bild von Adolf Hitler verwirft Ullrich, das Bild vom „faulen Führer“, der nur große Reden geschwungen, aber nie kontinuierlich gearbeitet hätte. „Immer, wenn es drauf ankam, hat er sehr intensiv gearbeitet, zum Beispiel nach seiner Ernennung zum Reichskanzler“, berichtet der Historiker. (ch)
u „Adolf Hitler. Die Jahres des Aufstiegs“, S. Fischer-Verlag(1083 Seiten), 28 Euro
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