Hamburger haben Baustellen satt: „Wir ziehen weg“

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Anke Steimle möchte ihrem Sohn Tom den Baustellenlärm ersparen – und zieht wegFotos: Flüß

Familie Steimle flieht vor Bunkerabriss. CDU fürchtet Verkehrschaos

Von Miriam Flüß
Hamburg. Die Zahlen sprechen für sich: Winterhude drohen 14 Baustellen für Haus- und Umbauprojekte in den nächsten drei Jahren. Der bevorstehende Bunker-Abriss an der Forsmannstraße 10 vertreibt schon jetzt die ersten Anwohner: Familie Steimle hat kapituliert. „Selbst wenn wir die zweijährige Bauphase überstehen, möchten wir hier nicht mehr leben“, sagt Anke Steimle resigniert. Ihre Traumwohnung mit Garten in der Forsmannstraße 14, direkt neben dem Hochbunker, hat die Familie gekündigt. „Die Bauarbeiten und der Lärm über so einen langen Zeitraum sind für unsere Kleinkinder nicht zumutbar. Und wenn der Neubau steht, ist der Hinterhof verschattet und wir können begafft werden.“ Außerdem sei die Tiefgaragen-Einfahrt direkt neben ihrem Wohnzimmer geplant. Zwei weitere Nachbarn seien bereits ausgezogen, auch andere Anwohner rund um den Bunker tragen sich mit Umzugsplänen – wenn sie es sich leisten können.

Initiative protestiert

Auch Anke Steimle und Familie müssen für ihre neue Mietwohnung deutlich mehr zahlen. Für die Bürgerinitiative „Wir sind Winterhude“ ist das eine alarmierende Entwicklung. Gegründet hat sich die rund 50 Mitglieder starke Initiative, als die Abrisspläne bekannt wurden (das Wochenblatt berichtete). Sie kritisiert die mangelnde Informationspolitik, bemängelt, auf Fragen nur „gelackte Antworten“ zu erhalten und kann nicht nachvollziehen, warum der Bunker, für den noch 2010 ein Abriss abgelehnt wurde, 2012 plötzlich aus der Denkmalliste genommen und zum Abbruch freigegeben wurde.

„Für die 38 Eigentumswohnungen sind nur 26 Tiefgaragenplätze vorgesehen. Abends werden sich zwölf weitere Autofahrer einen Kampf um die wenigen Parkplätze liefern.“ Hermann Hinrichsen

„Warum fordert die Stadt für die Aufhebung des Denkmalschutzes keine Sozialwohnungen oder eine Begegnungsstätte ein?“, fragt sich Architekt Hermann Hinrichsen von „Wir sind Winterhude“. Vieles bei diesem Projekt sei dubios, so auch die Genehmigung, statt der vorgesehenen vier Stockwerke sechseinhalb und damit 40 Prozent mehr bauen zu dürfen. „Für die 38 Eigentumswohnungen sind nur 26 Tiefgaragenplätze vorgesehen. Abends werden zwölf weitere Autofahrer sich einen Kampf um die wenigen Parkplätze liefern,“ sagt Hinrichsen, der eine extreme Lärmbelastung über die zwei Jahre dauernde Bauphase befürchtet. „Wir brauchen keine Luxus-Eigentumswohnungen mehr“, ergänzt Angela Boll und fragt sich, ob der Bau der Garage überhaupt mit dem Grundwasserstand vereinbar sei und im Falle einer Absenkung umstehende Häuser geschädigt würden. „Der Bunker ist nur der Anfang. Winterhude verändert sich rasant. Luft zum Atmen und Lebensqualität verschwinden hier durch reines Spekulantentum. An die Menschen, die hier leben, wird seitens der Politik nicht gedacht.“ Die Initiative beobachtet die Nachverdichtungen im Viertel nicht nur wegen Verdrängung und Verschattungen kritisch, sondern befürchtet auch ein Verkehrschaos aufgrund der zahlreichen Baustellen. 13 weitere werden es in den kommenden drei Jahren rund um den Mühlenkamp sein, darunter neben den Maßnahmen für die Busbeschleunigung auf dem Mühlenkamp auch große Neubauprojekte wie das an der Barmbeker Straße / Ecke Gertigstraße und Geibelstraße / Ecke Gertigstraße.
Wenn spätestens im Mai die Abrissarbeiten am Bunker beginnen, wird die Einbahnstraßenregelung für die Forsmannstraße von der Gertigstraße bis zum Bunker aufgehoben, Parkplätze fallen dann weg.

Bezirksamt hält dagegen

Ein Kollege von Architekt Hinrichsen hat anhand des Betonvolumens des Bunkers berechnet, dass rund 1.000 Lastwagenladungen zum Abtransport nötig seien. Kämen noch die Baumaßnahmen zur Busbeschleunigung ab Oktober hinzu, würde es eng. Die CDU-Bezirksfraktion befürchtet gar „einen Verkehrsinfarkt“.
Auf eine Kleine Anfrage der CDU antwortete das Bezirksamt, dass „Pläne zur Verkehrsführung während der Bauzeit noch nicht existieren, da Beeinträchtigungen des Straßenverkehrs nicht bekannt seien.“ Weiter teilt das Bezirksamt mit, dass „temporäre Einschränkungen im öffentlichen Straßenraum als Folge von Hochbauarbeiten von den Anliegern grundsätzlich hinzunehmen“ seien „um eine Weiterentwicklung der Stadt überhaupt zu ermöglichen.“
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