Im Gedenken an die, die sich wehrten

Anzeige
Eine Gedenktafel wurde 1987 für die antinazistischen UKE-Studierenden Margaretha Rothe und Friedrich Geussenhainer enthüllt, die an den Folgen ihrer KZ-Haft gestorben waren Fotos: UKE/wb
 
Professor Hans Bürger-Prinz leitete das UKE im Zweiten Weltkrieg: Er sortierte Kranke für die sogenannte Euthanasie aus

Teil 4 der UKE-Serie zum 125. Jubiläum: Die finsteren Jahre von 1933 bis 1945. Neues Buch und Stolpersteine

Hamburg. Auch die Geschichte des Universitätsklinikums Eppendorf erreichte, wie die Entwicklung nahezu jeder deutscher Einrichtung der letzten 125 Jahre, ihren Tiefpunkt während der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 bis 1945. Da die Ärzteschaft zum einen in einem besonderen Maße mit der Nazi-Ideologie durch deren Ideen der Rassenhygiene verwoben war, zum anderen aber das Geschehen am UKE differenziert werden muss, wie Professor Henrik van den Bussche in seinem demnächst erscheinenden Buch „Die Hamburger Universitätsmedizin im Nationalsozialismus“ dargelegt hat, widmet sich der vierte Teil unserer Serie über 125 Jahre Universitätsklinikum Eppendorf dieser finstersten Episode des UKE.

Jüdische Ärzte entlassen

Sie war mindestens so finster, wie an anderen Krankenhäusern. Die jüdischen UKE-Professoren, 16 an der Zahl (15 Prozent der Ärzteschaft), wurden 1933 und 1934 entlassen oder verloren ihre Lehrbefugnis. Sie emigrierten fast ausnahmslos, einer verübte vermutlich Selbstmord. Auch andere jüdische UKE-Mitarbeiter verloren ihre Jobs. Linke Studenten wurden exmatrikuliert. Stolpersteine, die am 17. Mai, dem Tag der offenen Tür anlässlich des Jubiläums offziell eingeweiht werden, erinnern vor dem Eingang zum Neuen Klinikum an die vertriebenen Professoren.
Nahezu alle verbliebenen UKE-Ärzte traten in die NSDAP ein. Ideologisch als Rassefanatiker exponierte sich keiner von ihnen. Auch wurde am UKE kein Lehrstuhl für Rassehygiene, wie an vielen anderen Hospitälern, eingerichtet. Henrik van den Bussche vemutet, dass Oportunismus und die Fortsetzung der eigenen Karriere die wesentlichen Gründe für den Parteieintritt waren. Aber, so der Medizinhistoriker: „Man konnte auch ohne in der NSDAP zu sein Professor werden.“ In den Vorstellungen von Vererbung als Grundlage medizinischen Handelns, von Eugenik und Rassehygiene, also der Ausmerzung von Schwachen zugunsten einer starken germanischen „Rasse“, waren aber auch die UKE-Ärzte fast alle verhaftet. „Das waren schon weit vor 1933 die Grundlagen für die große Mehrzahl der deutschen Mediziner“, berichtet Henrik van den Bussche. Dieses medizinische Denken machte sich auch am UKE bemerkbar. Sterilisationen so genannter „Erbkranker“ wurden auch in Eppendorf durchgeführt. Von den rund 300 psychisch Kranken, die das UKE 1936 von der aufgelösten psychiatrischen Klinik Friedrichsberg als „heilbar“ übernahm, sortierte der erste Leiter der neuen psychiatrischen Klinik am UKE, Professor Hans Bürger-Prinz, einige als unheilbar aus.

Widerstand aus der Studentenschaft

Sie wurden, wie die Mehrzahl der Patienten aus Friedrichsberg, nach Langenhorn transportiert und von dort auf die Tötungsanstalten des Euthanasie-Programms in ganz Deutschland verteilt. „Es ist undenkbar, dass die UKE-Professoren von diesen Vorgängen nichts gewußt haben“, ist sich Henrik van den Bussche sicher. Bestialisch hervor taten sich einige Angehörige des UKE-Lehrkörpers, die am Tropeninstitut KZ-Häftlinge mit Malaria infizierten, sowie Oberarzt Heinrich Berning, der russische Kriegsgefangene für Versuche über Unterernährung, Schwächezustände und Ernährungsstörungen missbrauchte.
Das UKE war im Dritten Reich aber auch bekannt für antinazistische Haltungen und Äußerungen von einer Minderheit von Professoren und Studierenden. Einige äußerten sich so freimütig, dass die Gestapo das UKE als „Brutstätte der Staatsfeindlichkeit“ bezeichnete. Die Professoren Johannes Brodersen und Rudolf Degkwitz flochten in ihre Vorlesungen feinsinnnige antinazistische Anspielungen und Scherze ein. Insbesondere Degkwitz, der Direktor der UKE-Kinderklinik, die sich unter seiner Leitung zu einem Sammelpunkt oppositionell eingestellter Mediziner entwickelte, preschte immer wieder gefährlich vor. Die Überlegung von Reichserziehungsminister Rust, Menschen mit Hasenscharten nicht mehr studieren zu lassen, kommentierte Degkwitz öffentlich mit der Bemerkung: dann dürften ja wohl Menschen mit Klumpfuss, eine Anspielung auf Josef Goebbels, nicht mehr promovieren. 1943 wurde der unliebsame Professor verhaftet und vor den Volksgerichtshof gestellt. Der drohenden Todesstrafe entging Degkwitz ausgerechnet durch die Fürsprache des Nazi-affinen Professors Bürger-Prinz, der inzwischen das UKE leitete. Auch eine Reihe von Studierenden geriet in die Mühlen der Gestapo.
Sie stammten aus dem Großbürgertum, teilweise mit Auslandserfahrung, und pflegten offen ihre Vorlieben für die angloamerikanische Kultur. Sie gehörten zu der so genannten „Swing-Jugend“, die sich im Alsterpavillon traf. „Das waren fröhliche Jungs. Die haben viel gefeiert“, erzählt Henrik van den Bussche.
Für die beiden einzigen Studierenden, die die deutsche Kapitulation nicht mehr erlebten, Friedrich Geussenhainer (verhungerte im KZ Mauthausen) und Margaretha Rothe (starb in Leipzig an Typhus), wurde 1987 im Rothe-Geussenhainer-Haus eine Gedenktafel enthüllt. (ch)
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige