Klangvoller Beruf

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Restaurationen von alten Streichinstrumenten wie diesem Cello von 1733 sind Stefan Sielaffs Leidenschaft Foto: Flüß
 
Geigenbau ist Geduldsarbeit: Zehntelmillimeter müssen vom Holz abgetragen werden Foto: Flüß

Geigenbauer Stefan Sielaff restauriert gerne Streichinstrumente

Von Miriam Flüß
Winterhude
Wie ein Abtauchen in eine andere, entschleunigte Zeit fühlt sich das Betreten der Werkstatt von Geigenbauer Stefan Sielaff am Grasweg an. Während Autos auf der Barmbeker Straße vorbeirauschen und rund um den Winterhuder Markt Passanten hektisch auf die Displays ihrer Smartphones tippen, gibt sich Sielaff seiner jahrhundertealten Handwerkskunst hin. Die Decke hängt hier wortwörtlich voller Geigen, wertvolle Instrumente werden in einem antiken Schrank aufbewahrt, auf der Werkbank liegen Späne und zu ausführlichen Kundengesprächen lädt eine Sitzecke ein. Einzig die Signaltöne eingehender Nachrichten von Sielaffs Smartphone erinnern daran, dass man sich immer noch im 21. Jahrhundert befindet.

Gegen den Trend


„Geigenbauer ist ein Beruf gegen den Zeittrend“, bestätigt Sielaff den Eindruck. „Es kommt darauf an, langlebige Werte zu erhalten.“ Anders als bei modernen Massenprodukten, bei denen Sollbruchstellen den schnellen Nachkauf ankurbeln, sollen Sielaffs Instrumente lange halten. Auch der Verleih von Streichinstrumenten macht mittlerweile einen großen Teil seines Geschäftes aus. Außerdem konserviert und restauriert Sielaff alte Instrumente, die zahlreiche renommierte Künstler in seine Hände geben. „Gerade Streicher haben eine sehr starke Beziehung zu ihrem Instrument und lassen es kaum aus der Hand. Das Verhältnis zum Geigenbauer ist wie zum Arzt, es erfordert viel Vertrauen.“ Unter rein handwerklichen Gesichtspunkten könne jeder lernen, eine Geige zu bauen. „Interessant wird es beim Klang. Mein Opa, der auch Geigenbauer war, hatte ein sehr gutes Ohr und eine Klangvorstellung, die er auch herausbekommen hat.“ Der Beruf seines Großvaters hat Stefan Sielaff schon früh fasziniert. „Aber ich hatte auch viel Respekt davor und dachte, das werde ich nie können“, erzählt der 55-Jährige, der von kleinauf mit seinem Vater und den drei Brüdern zuhause musiziert hat. In seiner Werkstatt wartet nun ein Cello aus dem Jahr 1733 auf die Restauration. Eine größere Reparatur kann Monate dauern, „eine furchtbare Geduldstortur“ könne das sein, aber: „Ich bin ein Fan von alten Instrumenten! Ich habe einmal eine Stradivari repariert mit Wölbungskorrektur, das war sehr spannend. Es ist toll, wenn man etwas an einem Top-Instrument machen darf.“ Das Material für seine Geigen bezieht Sielaff von Tonholzhändlern. Ahorn benötigt er für die Böden und Fichte für die Decken. „Das sind Alpenhölzer aus hohen Lagen, die sich im Wachsen bewähren mussten. Ich benutze gern sehr trockenes Holz. Gutes Material ist die Voraussetzung für ein gutes Instrument.“
Sielaff erreichen viele Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz zum Geigenbauer. Nach anfänglichem Zögern hat er sich entschlossen, einen Lehrling aufzunehmen. In einem so kleinen Betrieb müsse die Chemie stimmen. Eine 27-jährige Chilenin, die in Südamerika Kontrabass studiert hat, konnte ihn umstimmen: „Sie hat mich fasziniert, weil sie es wirklich wollte!“ Für die kommenden Wochen hat er seine Werkstatt trotzdem für sich allein – seine Auszubildende hat Blockunterricht auf der Geigenbauschule in Mittenwald. In Hamburg verzeichnet das Branchenbuch 14 Geigenbauer. In der Hansestadt mit ihren drei Hauptorchestern, Kirchenorchestern und semi-professionellen Laienorchestern sowie vielen Kammermusikern sei das Handwerk stabil, sagt Sielaff. Mit seinem Stadtteil Winterhude, wo er seit 18 Jahren seine Werkstatt hat, fühlt er sich verwachsen: „Das ist unser Geigenbauer, höre ich Passanten manchmal sagen“, freut er sich, beobachtet aber auch einen Wandel: „Früher war der Grasweg eine richtige Handwerkerstraße. Jetzt bin eigentlich nur noch ich da. Viele kleine Betriebe können wohl die steigenden Mieten nicht mehr zahlen. Dabei machen Individualität und kleine Läden den Charme eines Stadtteils aus.“
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