Lese-Lust für Hamburger Kinder

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Die Winterhuder Kinderbuch-Autorin Ursel Scheffler (75) ist höchst produktiv: Über 200 Bücher hat sie schon geschrieben Foto: ho
 
Ursel Scheffler trifft junge Fans in Shanghai. Ihr Kommissar Kugelblitz (heißt auf Chinesisch: Lao K. Teng Tschang) ist auch in China eine beliebte Kinderbuch-FigurFoto: Scheffler/wb

Ursel Scheffler („Kommissar Kugelblitz“) wohnt in Winterhude

Von Holger Hollmann
Hamburg. In der Winterhuder Altbauwohnung von Ursel Scheffler reichen die vollen Bücherregale bis unter die mehr als vier Meter hohen Zimmerdecken. Es gibt einen 30-bändigen Brockhaus, doch die allermeisten Buchrücken sind auffällig bunt. Es sind Kinder- und Jugendbücher, von denen Ursel Scheffler viele selbst geschrieben hat. Seit Mitte der 1970-er Jahre sind es mehrere Hundert Titel. Viele von ihnen sind längst zu Klassikern geworden, wie die „Kommissar Kugelblitz“-Krimis, oder Pflichtlektüre in Schulen und Kindergärten.
Doch die vier Meter hohen Bücherregale sind gar nichts im Vergleich zu den riesigen Büchertürmen, die Hamburgs Kinder auf Initiative der Winterhuderin schon gelesen haben. Unter dem Motto „Kinder, lest euch auf den Michel“ hat sie am November 2011 die Leseförder-Aktion „Büchertürme“ ins Leben gerufen, um Kinder wieder mehr für das Lesen zu begeistern. Gleich im ersten Jahr lasen sich zahlreiche Hamburger Schulklassen auf den Michel: 132 Meter hoch.

Über 40.000 Bücher „turmhoch“ gelesen

Für jedes Buch, das ein teilnehmender Grundschüler gelesen hatte, gab es einen Zentimeter. „In Pisa-Einheiten melden die Lehrer der Klassen einmal im Monat, wie viel eine Klasse gelesen hat. Zehn Bücher oder zehn Zentimeter sind immer ein Pisa, denn wir wollen den schiefen Turm von Pisa wieder gerade lesen“, erläutert die Autorin die Maßeinheit. Über 40.000 Bücher wurden von Hamburger Grundschülern bisher im Rahmen der Aktion gelesen. Die Teilnahme ist kostenlos, Grundschullehrer können ihre Klassen auf der Webseite www.büchertürme.de anmelden, die von den „Seiteneinsteigern“ im Literaturkontor Hamburg betreut wird. Nach dem Michel folgten die Katharinen- und die Nicolai-Kirchtürme. Gerade ist die Petri-Kirche dran und schon bis zur Hälfte erklommen. „Da brauchen wir noch dringend ganz viel Unterstützung“, wirbt Ursel Scheffler um möglichst viele zusätzliche Klassen, die noch mitlesen. „Es gibt Preise zu gewinnen, aber der Hauptpreis ist der Spaß am Lesen.“
Was treibt die erfolgreiche Autorin an, die zusammen mit ihrem Mann vor sechs Jahren von Volksdorf nach Winterhude zog, weil ihre drei Kinder aus dem Haus waren und sie wieder mehr von der schönen Innenstadt haben wollte?

„Manchmal macht es mich zornig, wenn bei Kindern so viele Jahre verschenkt werden, wo sie doch gerade in jungen Jahren das Wissen förmlich aufsaugen.“
Ursel Scheffler


„Manchmal macht es mich zornig, wenn bei Kindern so viele Jahre verschenkt werden, wo sie doch gerade in jungen Jahren das Wissen förmlich aufsaugen“, sagt sie. „Die Kleinen wollen lernen, und wer liest, der lernt und erschließt sich die Welt.“ Viele Kinder könnten heutzutage aber erst ein bis zwei Jahre später sicher lesen als in früheren Zeiten, erzählt die Tochter einer Grundschullehrerin, die schon immer mit Literatur zu tun hatte.
„Deshalb wollen wir mit der Aktion Büchertürme vor allem die Kinder erreichen, die sonst keine Bücher lesen.“ Das Lesen solle Spaß machen, das Thema sei da zweitrangig. „Man muss auf die Interessen der Kinder eingehen und ihnen ein Ziel setzen. Und ein Leseturm ist ein tolles Ziel“, sagt sie. Ideen für weitere Büchertürme gehen ihr jedenfalls so schnell nicht aus: Nach den fünf Hauptkirchen Hamburgs, von denen bei der Bücherturm-Aktion nach St. Petri nur noch der Turm der Jacobi-Kirche fehlt, kann sich die gebürtige Nürnbergerin das Rathaus und eine Moschee als nächste Ziele vorstellen. Denn die Kirchtürme machten eher zufällig den Anfang, so Ursel Scheffler, die in vielen ihrer Bücher darauf achtet, den jungen Lesern Werte zu vermitteln.
Die beliebte Autorin – bei Amazon gibt es für ihren Namen 1.100 Treffer und ihr allererstes Kinderbuch „Alle nannten ihn Tomate“ ist heute noch erhältlich – reist nach wie vor viel durch Deutschland und Europa und liebt auch Fernreisen wie zuletzt nach Peru. Im vorigen Jahr war China dran, hier traf sie jugendliche Fans ihrer Figur Kommissar Kugelblitz, der im Land der Mitte als Lao K. Teng Tschang knifflige Rätsel knackt. „Da ist Winterhude ideal für mich, man ist schnell am Flughafen und am Bahnhof“, so Scheffler, die gerade vor Ort in Wien für einen nächsten Band von Kommissar Kugelblitz recherchiert hat. Außerdem liebt die Lesebotschafterin der Stiftung Lesen an Winterhude, dass sie vor die Tür gehen kann und gleich Geschäfte und Restaurants, den Goldbekmarkt und die Alster hat. „Am liebsten stehe ich auf der Krugkoppelbrücke, wenn der Abend auf die Stadt fällt, und blicke über die Alster“, sagt sie. Oder sie fährt ganz früh morgens mit ihrem Fahrrad um die Außenalster, „wenn die Schwäne noch die Köpfe unter ihren Federn haben und ich ihnen beim Aufwachen zusehen kann“.

Kinder zum Lesen motivieren

Jetzt holt die 75-Jährige ihr iPad hervor und tippt ein paar Mal auf dem Bildschirm. Doch statt Bilder von einem Sonnenaufgang über der Alster zu zeigen, geht sie auf die Homepage ihrer Leseförder-Aktion und zeigt die Erfolge aus anderen Städten: Göttingen, Essen, Freiburg oder die Insel Föhr machen schon mit, Fürth soll bald folgen. Und in Cuxhaven lasen sich die Grundschüler sogar schon zweimal auf den Eiffelturm. „Das kann doch Hamburg unmöglich auf sich sitzen lassen – ein bisschen Wettbewerb muss sein“, sagt sie und ihre Augen blitzen herausfordernd. Ursel Scheffler weiß eben, wie man Kinder zum Lesen motiviert. (ho)

buechertuerme.deu scheffler-web.de
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