Mit Respekt voreinander

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Menschen mit und ohne Behinderung gehören zum Kesselhaus-Team (v. l.): Radi Geris, Jost Engelbert, Anja Bock, Philipp Jastorff und Sebastian Aust Foto: Flüß
 
Ein gutes Team: Jost Engelbert (59, li.), Leiter der Tagesförderstätte und Philipp Jastorff (25) sorgen fürs Frühstücksbüffet Foto: Flüß

Alsterdorf Assistenz Ost betreibt Restaurant Kesselhaus mit inklusivem Konzept

Von Miriam Flüß
Alsterdorf
Es duftet verführerisch nach frischen Croissants und Brötchen in der Küche des Restaurants „Kesselhaus“ am Alsterdorfer Markt. „Lars hat zum Glück heute Morgen daran gedacht, den Ofen vorzuheizen“, lobt Jost Engelbert. Das Besondere – und in Hamburg bisher Einzigartige: Der 21-jährige Lars Torben Brünn hat eine geistige Behinderung und arbeitet seit Anfang Februar Seite an Seite mit den Gastronomiefachkräften des Restaurants. Früher war er in einer der Behindertenwerkstätten tätig, in denen eher eintönige Arbeiten verrichtet werden. An einem eher stressigen Arbeitsplatz wie einem gastronomischen Betrieb ist sein Einsatz nicht selbstverständlich: „Das Zeitkorsett in der Gastronomie ist sehr eng. Wir teilen die Abläufe so ein, dass die Beschäftigten mit Unterstützungsbedarf sie ohne Zeitdruck ausführen können“, erklärt Jost Engelbert, während er Lars einen liebevoll mit Äpfeln, Johannisbeeren und Erdbeeren dekorierten Obstteller für das Frühstücksbüffet in die Hand drückt.

„Das Zeitkorsett in der Gastronomie ist sehr eng. Wir teilen die Abläufe so ein, dass die Beschäftigten mit Unterstützungsbedarf sie ohne Zeitdruck ausführen können“ Jost Engelbert

Der 59-jährige Leiter der Tagesförderstätte kooperiert mit der Gastronomie Kesselhaus, die im vorigen Jahr von der Alsterdorf Assistenz Ost GmbH übernommen wurde. Ziel war eine inklusive Neuausrichtung, die sowohl die Werte der Evangelischen Stiftung Alsterdorf lebendig werden lässt und die zeigt, wie Menschen mit ganz verschiedenen Persönlichkeiten und Fähigkeiten gemeinsam erfolgreich sein können.

„Ich arbeite an fünf Tagen in der Woche vier Stunden hier, mehr geht noch nicht. Es macht Spaß, Kochen ist immer noch mein Beruf. Hauptsache, ich kann etwas tun!“ Philipp Jastorff

In der Aufbauphase sind sieben Teammitglieder mit Unterstützungsbedarf in Service und Küche aktiv und es sollen noch mehr werden. Philipp Jastorff ist einer von ihnen und ein echter Glücksfall für das Kesselhaus: Der 25-Jährige hat eine Ausbildung zum Koch gemacht und kennt sich mit den Abläufen in der Küche bestens aus.
„Zwei Wochen vor meinem Abschluss ist eine Ader in meinem Gehirn geplatzt. Ich lag drei Monate im Koma und war zweieinhalb Jahre in der Reha“, erzählt der junge Mann, der seitdem linksseitig gelähmt ist. „Ich arbeite an fünf Tagen in der Woche vier Stunden hier, mehr geht noch nicht. Es macht Spaß, Kochen ist immer noch mein Beruf. Hauptsache, ich kann etwas tun!“ Die schmale Küche mit den oft hektischen Arbeitsabläufen ist jedoch zu eng für die Beschäftigten: „Im Sommer werden wir eine Vorbereitungsküche bekommen, dort werden die Beschäftigten dann beispielsweise mehrere Kilo Kartoffeln für den nächsten Tag kochen, schälen und schneiden. So wird der Termindruck rausgenommen, denn es gibt große Schwankungen in der Belastbarkeit, die kann sich täglich ändern.“

Es läuft gut an


Anja Bock, die im Service zusammen mit einer Kollegin mit seelischer Behinderung tätig ist, findet „es toll, was aus einem normalen Restaurant werden kann!“ Die 26-Jährige wurde für das Kesselhaus als gastronomische Servicefachkraft eingearbeitet und hat als sozialpädagogische Assistentin Erfahrung in der Arbeit mit Behinderten. Für Restaurantleiter Mike Bellmann hingegen ist es der erste engere Kontakt: „Es läuft sehr gut an“, sagt der 44-Jährige. „Im Endeffekt ticken wir alle gleich. Man muss Verständnis haben, alle haben die gleichen Rechte und Pflichten. Wir haben Respekt voreinander.“ Auch Jost Engelbert sieht sich seinem Ziel bereits einen großen Schritt näher: „Wir wollen zu einem inklusiven Team werden Hier hat jeder seine Aufgabe und das Zusammenspiel muss stimmen.“ Die neue Küche wird deshalb auch einen Sozialraum beherbergen, in dem alle Beschäftigten gemeinsam essen und Behinderte und Nichtbehinderte sich abseits des gastronomischen Betriebs begegnen können. Bis es soweit ist, muss die vorhandene Küche aber nach dem Frühstück für den Mittagsbetrieb vorbereitet werden. Und Lars packt dabei kräftig mit an.

Weitere Infos: www.restaurant-kesselhaus.de
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