Sie kämpfen für ihr Zuhause

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Erika und Heinrich Sick wohnen seit 49 Jahren am Brodersweg 13. Jetzt haben sie die Kündigung bekommen
 
Die Häuser Brodersweg 10-13 sind vom Abriss bedroht Fotos: Hanke

Nach 49 Jahren soll das Ehepaar Sick im Brodersweg ausziehen. Neubau geplant

Von Christian Hanke
Hamburg Eine der letzten Häuserzeilen des alten Pöseldorfs, des Pöseldorfs der Handwerker und kleinen Gewerbetreibenden, droht zu verschwinden. Für die Häuser Brodersweg 10-13 ist eine Abrissgenehmigung erteilt worden.
Die Statik der Gebäude ist nicht mehr intakt. Setzrisse breiten sich aus. Die Häuser stehen auf einer Torfsohle. Zu diesem Schluss kam das Bauderzernat des Bezirksamtes Eimsbüttel nach Prüfung eines Gutachtens, das die Verwalter der Häuser Brodersweg 10-13 im Auftrag der Grundeigentümerin erstellt hatten.
„Es ist uns nicht leichtgefallen“, sagte der Leiter des Fachamtes Landschaftsplanung im Bezirksamt Eimsbüttel, Kay Gätgens, auf der Öffentlichen Plandiskussion zum Bebauungsplan-Entwurf Rotherbaum 36, der Pöseldorf unter Milieuschutz stellen soll. Erst nach intensiver Prüfung sei die Entscheidung für den Abriss gefallen, so Gätgens, da die Sanierung teurer werden würde als ein Neubau.
Man müsse auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Vermieters berücksichtigen. Als Folge dieser Abrissgenehmigung hat das Bezirksamt Eimsbüttel nun den Bebauungsplanentwurf Rotherbaum 36 ausgearbeitet. Um zu verhindern, dass ein Neubau auf den Grundstücken Brodersweg 10-13 bis zu acht Stockwerke hoch gebaut wird. Das erlaubt nämlich der derzeitige Bebauungsplan Rotherbaum 15 für dieses Gebiet, der in den 1970er Jahren aufgestellt wurde, um das Pöseldorf Center zu bauen.

„Der letzte Rest vom alten Pöseldorf“

Die rund 300 Gäste der Öffentlichen Plandiskussion interessierte der B-Planentwurf aber nur am Rande. „Kein Abriss am Brodersweg“ stand auf einem Stoffbanner in der voll besetzten Aula des Wilhelm-Gymnasiums. Die Bewohner der vier betroffenen Häuser sind wütend, entsetzt, können es gar nicht fassen, dass ihnen zum 30. Juni 2015 gekündigt wurde. Ihr sei das schwergefallen, wird Eigentümerin Annette S. in der „Hamburger Morgenpost“ zitiert. Aus rechtlichen Gründen habe man die Mieter nicht früher informieren können.
Heinrich und Erika Sick (beide 75) wohnen seit 49 Jahren im Brodersweg Nr. 10. Sie sind die ältesten Mieter der vier Häuser. „Wir haben gedacht, wir verbringen hier unseren Lebensabend. Wo sollen wir jetzt hin. Mit unserer Rente nimmt uns doch niemand mehr?“, erzählt Heinrich Sick, der wie viele Mieter an der Begründung für den Abriss zweifelt. „Der Boden ist wegen der Alsternähe feucht. Ganz Hamburg steht auf einer Torfsohle. Warum haben nur wir Setzrisse und die Häuser der näheren Umgebung nicht?“, fragt sich der Klempner im Ruhestand. Gegenüber im Brodersweg hat er gelernt. Das war 1955. „Seitdem kenne ich das Viertel hier. Diese Seite vom Brodersweg ist der letzte Rest vom alten Pöseldorf“, erzählt Heinrich Sick. Die vier Häuser haben einen Vorgarten. Viele Mieter wohnen hier schon seit über 30 Jahren. Man kennt sich, feiert auch mal zusammen. Die Sicks und viele Mieter glauben nicht daran, dass die Häuser abgerissen werden müssten. „Seit vier Jahren wird nur noch das Notwendigste gemacht“, erzählt Erika Sick. Nur das Haus Nr. 10 ist etwas abgesackt.

Bürgerbegehren geplant

Doch die Mieter haben noch nicht aufgegeben. Sie wollen ein Bürgerbegehren starten. Ein Anwalt prüft gerade, ob rechtlich gegen das Gutachten vorgegangen werden kann. Vielleicht mit einem Gegengutachten. Und ob es vielleicht möglich ist, den Milieuschutz, der nun für Pöseldorf verankert werden soll, auf diese Weise auch für den Brodersweg 10-13 noch in Anwendung zu bringen.
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