So tickt Hamburg

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Buchvorstellung mit der zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank Foto: wb

Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt stellte 77 Fragen an die Stadtbewohner

Von Dagmar Gehm
Hamburg
Er weiß, wohin die Reise geht. Nun weiß er auch, wie Hamburg tickt. Wo kaufen Sie am liebsten ein? Wo möchten Sie in der Zukunft wohnen? Kennen Sie Ihre Nachbarn? Welche Gründe sprechen gegen eigene Kinder? Sind Sie glücklich? Mit 77 Fragen an die Zukunft hat Professor Dr. Ulrich Reinhardt von der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen der Hamburger Bevölkerung auf den Zahn gefühlt, ihre Antworten genauestens analysiert und ein entsprechendes Buch darüber geschrieben.

Auto ist kein Statussymbol mehr

Neulich am Alsterufer, in der obersten Etage der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. Mit Blick auf Ausflugsschiffe und Segelboote. Mehr Hamburg geht nicht. Flankiert von Vizebürgermeisterin Katharina Fegebank, befeuert von Fragen des Chefredakteurs vom Hamburger Abendblatt, Lars Haider, erklärt der Freizeitforscher Dr. Ulrich Reinhardt, wie die Bürger der Hansestadt sich die Zukunft vorstellen.

Hamburger ticken ein bisschen anders

Um es gleich vorweg zu nehmen: Hamburger ticken ein bisschen anders als der Rest der Republik. Denn in Deutschlands schönster Stadt blickt man optimistischer in die Zukunft, machen mehr Bürger ihr Glück nicht vom Reichsein abhängig, glauben mehr Befragte, dass unser Bildungssystem die Menschen tatsächlich gut auf die Zukunft vorbereitet. Man ist in Hamburg zufrieden, weil man sich nicht mehr so stark über Statussymbole definiert. So wird das Auto kaum noch als Statussymbol wahrgenommen sondern als Transportmittel, das uns von A nach B befördert. „Wir haben ja schon alles – Kleidung, Auto, Fernseher und sind nicht glücklicher, je mehr Geld wir besitzen.“ So bedeutet Luxus zum Beispiel für Katharina Fegebank „ein kurzer Tapetenwechsel, die entspannte Bahnfahrt zu meinen Eltern in Bargteheide. Der Urlaub in einer Pension oder in einem kleinen Hotel.“ Mit einem Zitat des Humanisten und Theologen Dietrich Bonhoeffer untermauert der Forscher seine Erkenntnisse: „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“

Angst vor Familiengründung

Doch warum gründen viele Hamburger keine Familie, obwohl 2015 mit 24.151 Kindern die höchste Geburtenziffer seit Beginn der Zählung 1998 erreicht wurde?, will Reinhardt wissen. Als Ursache führt die Mehrheit der Befragten finanzielle Gründe an. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes kostet ein Kind rund 600 Euro im Monat – für viele ist das selbst mit zwei Einkommen nicht zu stemmen. „Hamburger haben schlichtweg Angst vor der Familiengründung“, so Reinhardt. Und schließt gleich die Frage an, ob „Vater, Mutter, Kind“ zu einem Auslaufmodell wird. Immerhin sind 48 Prozent davon überzeugt.

Wunsch nach weniger Arbeit

Katharina Fegebank legt nach, was die besonderen Bedürfnisse für Hamburg als Single-Hauptstadt betrifft: „Wir versuchen, die politischen Rahmenbedingungen zu setzen, wie der Planung mit Ganztagesplätzen in Kita und Schule.“ Was die Bildung anbelangt, hat Hamburg in den letzten Jahren einen Riesensprung gemacht. Mit 68 Prozent will weit über die Hälfte aller Schüler Abitur machen. Was ist für die Zukunft zu erwarten? Die Arbeit bleibt natürlich wichtig, steht aber immer seltener im alleinigen Fokus des Lebens. Hamburger leben nicht mehr, um zu arbeiten, sondern sie arbeiten, um zu leben. Ging man früher zum Chef mit der Bitte: „Kann ich mehr Geld haben“, lautet sie heute: „Kann ich weniger arbeiten?“

Überdurchschnittlich glücklich

Wir hatten nie so viel Zeit wie heute, nehmen es aber nicht wahr, sondern fühlen uns ständig gestresst aus Angst, etwas zu verpassen, nicht mehr Teil einer Gruppe zu sein. Trotzdem: Viele Hamburger sind überdurchschnittlich glücklich. Lediglich die Älteren sind pessimistischer und schauen ängstlicher in die Zukunft: „Sie haben mehr Angst vor Veränderung, glorifizieren auch deutlich stärker die Vergangenheit als die mittlere und jüngere Generation.“

So tickt Hamburg – 77 Fragen an die Zukunft, 14,90 Euro, ISBN 978-3-95856-123-3, erhältlich auch über Abendblatt Shop
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