Töpfern als Traumberuf

Anzeige
Kira findet es gut, dass ihrer Kreativität freie Hand gelassen wird Foto: flü
 
Arbeitet seit 2007 in der Töpferwerkstatt: Jana (26) Foto: flü

In den Elbe-Werkstätten am Südring wird mit Ton und Lehm gearbeitet. Ostermarkt Ende März

Winterhude An den Töpferscheiben herrscht entspannte Konzentration, ein Blick auf die gefüllten Regale der Werkstatt verrät, was unter den geschickten Händen von der Blumenvase bis zum Leuchtturm entsteht. „Ich arbeite gern mit den Händen mit Ton, Matsch oder Erde. Die Töpferei ist ein echter Traumberuf!“, freut sich die blinde Jana, während sie eine kleine Ringelvase modelliert. „Die Idee ist ganz spontan und kreativ entstanden, als ich mit Ton gespielt habe“, erzählt die 26-Jährige. Je nach Auftragslage der Keramikwerkstatt töpfert sie auch Vogeltränken oder Becher.

„Es ist immer wieder spannend Kreativität zu entdecken, die nicht sofort sichtbar wird“ Gert Breitenbart

Ein paar Plätze weiter ist Janas Kollegin Kira kurz vor Ostern mit der Produktion von Hasen beschäftigt. „Ich forme die Hasen aus zwei Tonkugeln, die ich mit Schlicker zusammen klebe. Innen höhle ich sie aus, dass sie sonst zu schwer werden“, erklärt die 24-Jährige, die eine Spastik in den Beinen hat. Nachdem sie noch Ohren, Schwanz und Verzierungen hinzugefügt hat, trocknen ihre Werke etwa eine Woche, bevor sie bei etwa 1200 Grad gebrannt, geschliffen und glasiert werden. Den Überblick über die elf Beschäftigten, die Auftragslage und den Vertrieb hat seit 1986 Werkstattleiter Gert Breitbart. „Es ist immer wieder spannend Kreativität zu entdecken, die nicht sofort sichtbar wird“, sagt der Kunsterzieher. „Oft laufen Entwicklungen entgegen der Erwartungen ab. Man muss die Leute ausprobieren lassen und Freiräume schaffen.“ Unter den Beschäftigten der Töpferwerkstatt sind Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen, psychischen oder schweren physischen Erkrankungen oder Autismus. In die Werkstatt bringt jeder ein, was er kann. Voraussetzung ist aber, dass die Beschäftigten für eineinhalb bis zwei Jahre einen Berufsbildungsbereich durchlaufen und „den Arbeitsalltag mit seinen Strukturen bewältigen“ so Breitbart. In einem zwei- bis dreiwöchigen Praktikum können Interessenten dann ausprobieren, ob das Töpfern ihnen liegt. Annette liegt besonders das Töpfern von Elefanten. Auf ihrer Töpferscheibe entsteht gerade ein großer Elefantenkopf für eine Gartenstehle. Als Glücksbringer fürs Wohnzimmeregal eignet sich ein kleineres Exemplar. „Ich forme nach Gefühl oder durch Ertasten“, erzählt Annette, die eine Sehbehinderung hat. „Das, was wir herstellen soll natürlich verkaufbar sein“, erklärt Gert Breitbach, während er zusammen mit Töpferin Bettina Becher glasiert. „Aber wir machen unseren eigenen Stil. Das Individuelle der Beschäftigten kommt bei der Keramik heraus.“ Hier hat jeder Gegenstand eine Geschichte, jedes Werk ist ein Unikat. Die verwendeten Glasuren sind lebensmittelecht und spülmaschinenfest. Auch die Terrakottagefäße sind nicht nur dekorativ, sondern auch besonders haltbar und frostsicher, da sie bei 1160 Grad gebrannt werden.

50 Standorte


Die Elbe-Werkstätten können auf eine mehr als 90jährige Geschichte in der beruflichen Rehabilitation für Menschen mit Behinderung zurückblicken. Ihre Wurzeln liegen im Jahr 1920, als der Hamburger Senat die Hamburger Werkstatt für Erwerbsbeschränkte, später nur noch Hamburger Werkstatt genannt, gründete. Heute ist die Elbe-Werkstätten GmbH bundesweit die größte Werkstatt für Menschen mit Behinderungen und einer der größten Arbeitgeber Hamburgs.
An mehr als 50 Standorten im gesamten Hamburger Raum und auf rund 120 Einzelarbeitsplätzen direkt vor Ort in regionalen Unternehmen bieten die Elbe-Werkstätten Menschen mit Behinderung Leistungen zu beruflicher Bildung und Arbeit, individuelle Unterstützung und pflegerische Hilfe. Im Berufsbildungsbereich werden passgenaue berufliche Qualifizierungsplätze mit fachlicher Begleitung und pädagogischer Unterstützung angeboten. So sollen die Qualifizierung und die Eingliederung in den beruflichen Alltag erreicht werden – auch im allgemeinen Arbeitsmarkt. Im Mittelpunkt stehen dabei immer die individuelle Berufswegeplanung und die Stärkung der Persönlichkeit. So sollen Menschen mit Behinderung in Hamburg attraktive, wohnortnahe Arbeitsplätze und eine bestmögliche Förderung und Integration geboten werden.

Der Ostermarkt findet vom 24. bis 27. März und vom 30. März bis 2. April jeweils von 8.30 – 15 Uhr im Foyer der Elbe-Werkstätten, Südring 38 statt. Außerdem ist eine Auswahl der Werke montags bis donnerstags von 7.30 bis 14 Uhr und freitags von 7.30 bis 13 Uhr im Werkstattladen in der Cafeteria, Südring 38, erhältlich. (flü)
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige