Verein Hilfspunkt schlägt in Hamburg Alarm

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Gabriele Franz engagiert sich seit 20 Jahren für die Belange von ObdachlosenFoto: Sichting

Angebot für Obdachlose in der City teilweise überlastet. „Viele Osteuropäer“

Von Mathias Sichting
Hamburg. Schnee, Eis und zweistellige Minusgrade. Der Winter hat sich nun doch auch im Norden gezeigt. Während die meisten Menschen in ihren warmen Wohnungen auf der Couch sitzen, frieren Hunderte auf den Straßen. Hamburgs Obdachlose kämpfen ums Überleben – im Winter besonders. Auf die Seite der Hilfs- und Mittellosen stellen sich Vereine und Institutionen. Die Stadt hat auch in diesem Jahr ein Winternotprogramm mit Schlafplätzen initiiert.

Geschützter Raum

Der gemeinnützige Verein Hilfspunkt leistet seit 20 Jahren seinen eigenen Beitrag zur Linderung. „Wir arbeiten mit sozial benachteiligten Menschen und bieten ihnen an neun Hilfspunkten, überwiegend am Wochenende, morgens, mittags oder abends eine Mahlzeit und einen geschützten Raum“, erzählt die Vereinsvorsitzende, Gabriele Franz, stolz. „Unser Verein unterhält für Erwachsene zwei Treffpunkte in der Ferdinandstraße und am Högerdamm, sowie Treffpunkte in Heimfeld, Jenfeld, Dulsberg und Nettelnburg und für Kinder und Jugendliche auf der Veddel und in Neu-Allermöhe. Wir haben ungefähr 130 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, im Jugendbereich außerdem noch Honorarkräfte. Unser Angebot wird seit Jahren gut angenommen. 2013 konnten wir insgesamt rund 23.000 Besucher in unseren Hilfspunkten begrüßen.“ Seine Geschäftsstelle hat der Verein in der Wandsbeker Marktstraße.
Die Hilfe kommt an, gerät aber an ihre Grenzen. „Unser Treffpunkt am Högerdamm ist besonders am Sonntagvormittag überlastet, weil Besucher aus dem Winternotquartier in der Spaldingstraße in großer Zahl kommen und dort unsere Kapazitäten deutlich überschreiten. Wir verzeichnen außerdem einen enormen Zuwachs von Menschen aus Osteuropa in unseren Einrichtungen. Unser Problem ist die steigende Zahl dieser Besucher. Diese Menschen sind total arm und besitzen gar nichts. Die Problematik ist in der Innenstadt besonders massiv. Da bekommt man während unserer Öffnungszeiten nicht mal mehr einen Sitzplatz. Die Stammgäste, wenn man sie so nennen kann, bleiben aus. Für uns hat sich die Struktur unserer Arbeit verändert“, ärgert sich Gabriele Franz. „Dass es bei uns überhaupt läuft, ist unseren Ehrenamtlichen zu verdanken. Der Altersschwerpunkt unserer Mitglieder liegt zwischen 20 und 40. Wir haben viele Studenten und sogar Jung-Akademiker in unserem Team. Vom Einser-Jurastudenten bis zur Doktorin in Chemie tummelt sich bei uns alles. Die Helfer suchen eine ernsthafte, seriöse Tätigkeit.“

„Blanker Zynismus“

Obdachlosigkeit sei kein Zustand, den man akzeptieren könne. „Die Aussage, dass Obdachlose gut versorgt sind, ist blanker Zynismus. Unser eigentliches Ziel, mit dem Menschen ins Gespräch zu kommen, können wir gar nicht mehr erfüllen. Früher haben die Obdachlosen bei uns Skat gespielt und sich länger aufgehalten. Das geht heute überhaupt nicht mehr. In unseren Raum am Högerdamm passen beispielsweise 50 Sitzplätze. Vergangenes Wochenende hatten wir an einem Sonntagmorgen 120 Besucher bei der Frühstücksveranstaltung. Die Besucherzahlen haben sich einfach verdoppelt. Das sind keine menschlichen Zustände mehr, das ist schlimm. Wir leben in einer Zeit, in der Ausgaben in hundertfacher Millionenhöhe wie beispielsweise für die Elbphilharmonie oder den Berliner Flughafen oder für nicht realisierbare Militärprojekte gesellschaftlich genauso akzeptiert werden, wie die Obdachlosigkeit“, so Franz.

Jeder kann helfen

„Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, dass er mit
großer Wahrscheinlichkeit ein viel besseres Leben führt, als ein Obdachloser. Man sollte jedem Obdachlosen, der einen darum bittet, zumindest den einen Euro geben. Ohne sich eine Ausrede zurechtzulegen. Jemand, der unserem Verein helfen möchte, kann dies über Spenden tun, oder aber durch seine Mitarbeit in einem unserer Treffpunkte. Dafür müsste er bereit sein, verlässlich einmal pro Monat in einem Team mitzuwirken.“

Weitere Informationen zur Vereinsarbeit oder Hilfsmöglichkeiten gibt es online auf hilfspunkt.de oder unter Tel.: 040/652 12 93

Info
Wenn ein Obdachloser offensichtlich Hilfe braucht, kann man über die Bürgerhotline t 4 28 28 5000 die Sozialarbeiter der Bezirke und die Sozialbehörde darüber informieren. Wichtig: Bei akuten Fällen jedoch bitte immer erst die Polizei (t 110) oder Feuerwehr/Notarzt (t 112) direkt anrufen!
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