„Von den Toten lernen für die Lebenden“

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Engagiert für Konsequenzen aus rechtsmedizinischen Befunden: Prof. Klaus Püschel. Foto: Haas

Rechtsmedizinische Befunde und soziales Engagement

Eppendorf. Opferschutz und Strafverfolgung im Auftrag der Ermittlungsbehörden: Diesen Aufgaben widmet sich – wie berichtet – das Institut für Rechtsmedizin am UKE, das Prof. Dr. med. Klaus Püschel (60) seit 20 Jahren leitet. Wenn er dem Tod – mit so vielen Gesichtern – begegnet, braucht der Professor professionelle Distanz, dennoch berührt ihn jeder „Fall“. Aus der Achtung vor den Toten leitet er sein soziales Engagement ab. Auch Befunde an Kindern – wenn sie nachweislich misshandelt, missbraucht oder vernachlässigt wurden – sollten Konsequenzen zeitigen, fordert Püschel. Das Kinderkompetenzzentrum in seinem Institut am Butenfeld leistet dazu Hilfestellungen: Jeder Verdacht wird sorgfältig geprüft. „Bei Kindesmisshandlung verzeichnen wir durch Aufklärung und frühzeitige Diagnosen inzwischen große Fortschritte durch eine sensibilisierte Öffentlichkeit.“ so Püschels Bilanz – nach erschütternden Befunden.
Zuletzt im Januar 2012, als er mitteilen musste: Chantal (11) starb in Hamburg eindeutig an einer Überdosis Methadon, das vermutlich von ihren drogenabhängigen Pflegeeltern stammte. Oder im März 2009, als die neun Monate alte Lara Mia tot aufgefunden wurde mit einem Körpergewicht von nur 4,8 Kilo.
Dabei wurde die überforderte Mutter aus Hamburg nur Tage zuvor von einer Sozialarbeiterin aufgesucht. Der alarmierende Zustand des Babys war ihr nicht aufgefallen. Das Problem der Rechtsmediziner: „Die Kleine war total unterernährt. Dennoch kamen wir zu keiner fassbaren Todesursache. Ein plötzlicher Kindstod ließ sich nicht ausschließen.“ Trotzdem sollte ein neues Verständnis der sozialen Dienste enthalten, dass man zur Beurteilung der Kinder auch sehen müsse, wie sie gewickelt, gebadet und angekleidet werden, fordert Püschel. Zu oft musste er das Versagen der zuständigen Behörden feststellen. Viel zu spät wurde etwa in Bremen gehandelt.
Kevin, 2, wird im Oktober 2006 tot aufgefunden: in einem Plastiksack im Kühlschrank des drogensüchtigen und aggressiven Ziehvaters. Der kleine Junge starb an den Folgen schwerer Misshandlungen: 25 Frakturen konnte das Püschel-Team am Körper des Jungen nachweisen. Dabei war sein bedenklicher Zustand aktenkundig, auch eine frühere ärztliche Behandlung: „Die Diagnose einer Misshandlung hätte eindeutig gestellt werden können – mit entsprechenden Konsequenzen zum Schutz des Kindes.“ weiß Püschel, der auch Hamburger Behörden in der Verantwortung sieht. Mangelnde Kontrollen etwa im Fall Jessica, 7, gestorben im März 2005 in Hamburg. Jahrelang in einem abgedunkelten Zimmer eingesperrt, vernachlässigt, wegen chronischer Unterernährung und Austrocknung entkräftet, erstickte das Mädchen, nachdem es sich erbrach. Nachbarn, Schulbehörde und Jugendamt gerieten damals in die Kritik. Niemand hatte die Vernachlässigung des Mädchens bemerkt. Das „Schütteltrauma“ im Kleinkindalter führt in 30 Prozent der Fälle zum Tod. Das fand eine interdisziplinäre Hamburger Arbeitsgruppe heraus, an der Prof. Püschel federführend mitarbeitet. Überlebende Kinder können sich nur verzögert entwickeln, fallen später auf etwa durch Lernprobleme. Der streitbare Rechtsmediziner spart nicht an Kritik seiner praktizierenden Kollegen: Weil sie eher therapeutisch orientiert seien, fehle ihnen „der kriminalistische Spürsinn“. Zu oft werde in Arztpraxen den Aussagen von Verwandten unkritisch Glauben geschenkt. Dabei seien charakteristische Muster von durch Schütteln schwer verletzten Kindern leicht zu erkennen: Ihre Oberarme weisen Griffspuren auf. Auch die augenärztliche Untersuchung bringt Klarheit. Eindeutige Hirnschädigungen seien durch bildgebende Verfahren nachweisbar. Die Forschungsergebnisse fließen jetzt ein in die Prävention: Die Aufklärung von Eltern, die das Schütteln ihres Säuglings immer noch für ungefährlich halten. (wh)

Gesetzliche Neuregelung zum Kindeswohl.
Seit dem 1. Januar stellen Neuregelungen im Bundeskinderschutzgesetz die Pflicht zu Kooperation und Information klar: Auch Lehrer oder Erzieher müssen Verdachtsfälle umgehend mitteilen, um sich nicht strafbar zu machen. Allen voran Jugendämter, aber auch Kitas und Krankenhäuser melden inzwischen ihre Bedenken. Im Kinderkompetenzzentrum des UKE wurden bis April 2012 gegenüber dem Vorjahr eine Zunahme der Verdachtsfälle von Kindesmisshandlungen um 50 Prozent registriert. Allzu oft wird der Verdacht auch bestätigt. Tatverdächtige in den meisten Fällen: die sorgeberechtigten Eltern oder Verwandte. Oft werden Hämatome festgestellt, etwa durch Ohrfeigen, seltener auch Knochenbrüche. Im UKE-Kinderkompetenzzentrum untersucht ein rechtsmedizinisches Ärzteteam Kinder und Jugendliche bei Verdacht auf Misshandlung, Vernachlässigung oder sexuellen Missbrauch. Es ist Tag und Nacht erreichbar unter Tel.: 7410-52 127. (wh)
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