Zeitungen, Kaffee und Drachen in Winterhude

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Ein herzliches Verhältnis hat Ebrar Omer zu seinen Kunden aus der Nachbarschaft Foto: Flüß

Kioskbesitzer Ebrar Omer verkauft neben Zigaretten und Getränken handgefertigte Flugobjekte

Von Miriam Flüß
Winterhude
Ein verwunschenes Reich betreten Kunden von Kioskbesitzer Ebrar Omer. Kunterbunte Drachen in allen Formen und Größen, von Delphinen über Frösche, fantastische Fratzen und Tiger bis zum Zebra hängen von der Decke. Hinter der Verkaufstheke breitet ein mächtiger Adler seine Flügel aus. Der Greifvogel ist Ebrar Omers ganzer Stolz. Gefertigt wurde er, wie die anderen Drachen auch, nach Entwürfen seines Bruders in Indonesien. „Mein Bruder lebt in Frankreich und designed die Drachen dort“, erzählt Ebrar Omer, der den Kiosk an der Ecke Forsmannstraße/Semperstraße vor zweieinhalb Jahren übernahm und ihn folgerichtig „Drachenkiosk“ nannte. Jedes dieser handgefertigten Kunstwerke ist auch flugtauglich, beteuert der 44-Jährige und freut sich: „Jetzt beginnt mit dem Herbst die Drachenzeit.“ Früher hat der Afghane seine Drachen zusammen mit seinen beiden Söhnen im nahen Stadtpark steigen lassen. „Die sind jetzt 14 und 16 Jahre alt und mehr an Computerspielen interessiert“, bedauert Omer. Wer selbst kreativ werden möchte, kann bei ihm auch weiße Papierdrachen erwerben und selbst gestalten. Über die Theke unter dem mächtigen Adler gehen natürlich auch kioskübliche Artikel wie Zeitungen, Brötchen, Zigaretten und Getränke. Auch geschnackt wird hier viel, mit zahlreichen Kunden ist Ebrar Omer auf Du. „Meine Kunden sind meine Nachbarn, das sind alles sehr nette Leute und höfliche Kinder.“ Bei gutem Wetter trinken viele von ihnen gern einen Kaffee unter dem großen Sonnenschirm vor dem Kiosk und halten einen Klönschnack. Mit seiner Familie wohnt Ebrar Omer direkt gegenüber seines Kiosks, mit dem er sich einen Traum erfüllt hat. Zuvor arbeitete er als Busfahrer im Öffentlichen Personennahverkehr und später auf dem Flughafen. Insbesondere das Fahren auf dem Rollfeld sei aber langweilig gewesen gegen das pralle nachbarschaftliche Leben in Winterhude. „Hatten die Filmaufnahmen gestern im Laden etwas mit dem Anschlag in Kabul zu tun?“, möchte eine Kundin besorgt wissen. „Nein, der NDR hat hier Folgen für das Großstadtrevier gedreht“, beruhigt Ebrar Omer. Die Sorge der Kundin ist aber leider berechtigt. Ebrar Omer kam 1988 nach Deutschland, ein Teil seiner Familie lebt noch in Kabul. Als dort vor kurzem erneut eine Bombe explodierte, seien die Fensterscheiben im Haus seiner Familie zerstört worden. „Zum Glück ist niemandem etwas passiert. Es ist so schade um Afghanistan. Es ist das Herz Asiens, ein schönes Land mit einem tollen Klima.“ Aber auch in seiner neuen Heimat ist er längst angekommen. Seit zehn Jahren lebt Ebrar Omer mit seiner Familie in Winterhude, seinen Kiosk öffnet er täglich. „Am Wochenende hilft auch meine Frau. Und wenn ich frei habe, sitze ich gern am Goldbekkanal oder gehe zum Goldbekplatz. Hier ist immer etwas los.“
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