Brandbrief an Hamburger Schulsenator

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Die Elternratsmitglieder Eva Reichhelm und Michael Hollemeyer unterstützen die Protestaktion des Kollegiums der Stadtteilschule Am Heidberg Foto: Nowatzky

Stadtteilschule sieht Inklusion in Gefahr. Kritik an Personal- und Finanzmitteln

Von Stefanie Nowatzky

Ein klares Ja zum inklusiven Lernen – aber ein klares Nein zu den aktuellen Bedingungen: Das ist die Kernbotschaft eines Offenen Briefes der Stadtteilschule (STS) Am Heidberg an Schulsenator Ties Rabe (SPD). Das Lehrerkollegium mahnt in dem dreiseitigen Anschreiben unter anderem eine bessere Personal-, Raum- und Finanzausstattung für die Bewältigung der Inklusion an. Damit ist das gemeinsame Lernen von Schülern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf in einer Klasse gemeint.

Dafür hätten sich seit 2011, so rechnen die Lehrer vor, die Voraussetzungen massiv verschlechtert: „Die Zuweisung der Ressourcen deckt den tatsächlichen Bedarf nicht“, heißt es in dem Schreiben. Damit ist zum Beispiel die Anwesenheit zweier Pädagogen im Unterricht gemeint oder die qualifizierte Schulbegleitung verhaltensauffälliger Kinder.

Zahl der Förderkinder steigt stetig an


Am Heidberg sei man bei der Zuweisung davon ausgegangen, dass im Hamburger Durchschnitt acht Prozent der Schüler einer Klasse sonderpädagogischen Förderbedarf hätten, so der Brief. Bis zu 20 Prozent seien ohne Erhöhung der Ressourcen zulässig. An dieser Stelle folgt in dem Schreiben keine konkrete Zahl, aber der Hinweis, an der STS Heidberg nehme „bei voller Auslastung“ die Zahl der Förderschüler „stetig zu“. Damit dürfte der tatsächliche Anteil dieser Schüler über 20 Prozent liegen. Genaue Zahlen wollte die Schule nicht mitteilen – nach Veröffentlichung des Offenen Briefes wurde plötzlich nur noch auf die Pressestelle der Schulbehörde verwiesen. Von dort gab es bis Redaktionsschluss keinen Kommentar zu den Vorwürfen.

Eva Reichhelm, Vorstand des Elternrates der Schule, unterstützt die Lehrer in ihrer Aktion. „Die Lehrer kämpfen für die Inklusion. Die Kollegen sind engagiert und arbeiten oft über ihre Grenzen hinaus“, kommt der Einsatz der Lehrer bei der Elternvertreterin an. „Die reißen sich echt ein Bein aus, um das zu wuppen“, davon ist Reichhelm begeistert. Gemeinsam mit ihrem Elternratskollegen Michael Hollemeyer sieht sie die Situation wie die Lehrer. Oft stelle sich erst im Lauf der Zeit heraus, wie viele unterstützungsbedürftige Kinder in einer Klasse seien. „Wir nennen das die U-Boot-Kinder“, erklärt sie.

Lars Holster, Schulpolitischer Sprecher der regierenden SPD, zeigt sich überrascht von dem Brief der Stadtteilschule. Vor dem Brief sei immer nur die Schließung des Standortes Grellkamp in Langenhorn Thema gewesen. Und in der Diskussion darum hätten sowohl Heidberg als auch Fritz-Schumacher eine Zusammenarbeit mit der dritten Stadtteilschule abgelehnt. Dass sich dadurch jetzt mehr Inklusionskinder auf die verbleibenden zwei Schulen verteilten, sei keine Überraschung. Den Brief der Schule nennt Holster aber nicht konkret genug. „Wir haben bereits an 23 Schulen nachgesteuert, dann muss die Schule die Karten offenlegen: So haben wir die Ressourcen verteilt und dort reicht es nicht“, fordert er.

Mit Inklusion überfordert


Das sieht seine Kollegin von der CDU ganz anders. „Die Stadtteilschulen sind mit der Inklusion, so wie es jetzt ist, überfordert. Mit dieser Ausstattung ist Inklusion nicht möglich“, sagt Karin Prien. Deshalb gebe es am 30. Oktober eine öffentliche Sitzung des Schulausschusses, in der die Schulen sich selbst zu ihren Problemen äußern können. Diesen Termin hat sie auch Helga Smits, Schulleiterin der STS Am Heidberg, angeboten. „Wir gehen davon aus, dass sich die Schulen dort öffentlich und frei äußern dürfen“, legt Prien die Spielregeln fest.

Die Bürgerschaftsabgeordnete glaubt, dass die Situation der Langenhorner Schule kein Einzelfall sei: „Die Schulbegleitung wurde an den meisten Schulen bis zu 2/3 gekürzt“, sagt sie. Da aber die Bildungsausgaben in Hamburg bereits die höchsten im Bundesgebiet seien, müsse wohl das Konzept überdacht werden. „Der Brief ist ein Aufschrei“, sagt Prien. Auch Elternrätin Eva Reichhelm sieht das so. Und sie findet es „mutig, dass die Lehrer so auf ihre Probleme aufmerksam gemacht haben“.
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