„Die Rechtsmedizin neu begreifen“

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„Von den Toten lernen für die Lebenden!“ Prof. Klaus Püschel ist ein streitbarer Geist. Foto: Haas

Hamburgs Quincy Prof. Dr. med. Klaus Püschel wurde 60

Eppendorf. Schon diese dynamisch-federnde Gangart durch das UKE-Institut am Butenfeld verrät seinen Hang zum Sport: Radfahren, Laufen und Reiten. Wo immer in Hamburg Rad- oder Laufwettbewerbe stattfinden, ist er aktiv dabei. Eigentlich wollte sich Prof. Dr. med. Klaus Püschel nach seinem Studium in Hannover auf Sportmedizin spezialisieren – bis zum Besuch einer Vorlesung bei Prof. Brinkmann.
Damals fand er die Rechtsmedizin so „überaus spannend“, dass er sie schließlich zu seiner Lebensaufgabe machte. Kürzlich gab es für den Institutsdirektor doppelten Anlass zum Feiern. Sein 60. Geburtstag fiel zusammen mit einem Dienstjubiläum. Seit 20 Jahren leitet der Professor das Institut für Rechtsmedizin am UKE. „Von den Toten lernen für die Lebenden“: Mit diesem Leitsatz zog der streitbare Professor gegen Missstände in der Altenpflege ebenso ins Feld wie gegen grausame Fälle von Kindesmisshandlung oder auch gegen ärztliche Behandlungsfehler. Sein Institutsraum ziert ein vielsagendes ein Schild: „Dead men tell no tales, unless you’re in forensics.“ – Tote Menschen erzählen keine Geschichten, es sei denn, du bist in der Rechtsmedizin. räzisierende Erkenntnisse aus der Forschung dienen auch seinen Aufgaben in der Lehre, in der er den kriminalistischen Spürsinn von zukünftigen Ärzten schärfen möchte. Auch andere Berufsgruppen kommen zur Weiterbildung ins Institut für Rechtsmedizin.
In seinem Alltag am Butenfeld gilt es, für die Ermittlungsbehörden Fälle von Mord und Totschlag aufzuklären – zu oft unkonventionellen Arbeitszeiten, versteht sich. Es geht um Opferschutz und Strafverfolgung. Zudem widmet sich der Professor auch der Qualitätssicherung in der Medizin. Ebenso kümmert er sich in interdisziplinären Teams um Themen aus der Sport- oder der Tranplantationsmedizin. Und nicht zuletzt hilft er der Altertumsforschung auf die Beine: Jahrtausende alte Moorleichen haben Püschel und Team ebenso untersucht wie Piratenschädel aus Störtebekers Zeiten. Zu seinem runden Geburtstag fand denn auch ein interdisziplinäres Symposium im Erikahaus statt. Die Einladung hatten Mitarbeiter mit einer witzigen Fotomontage versehen: Püschels Gesicht ziert die Rekonstruktion des Hauptes von Störtebeker. Und nicht zufällig sprachen unter den acht Referenten auch zwei Historiker. Auch sie profitierten von der interdisziplinären Zusammenarbeit mit Prof. Püschel. So lassen sich durch neue Befunde an niedersächsischen Moorleichen Rückschlüsse über ihre Lebensumstände vor zwei Jahrtausenden präzisieren. Ebenso wurden im Institut am Butenfeld mit modernen Methoden und Techniken mutmaßliche Piratenschädel vom Grasbrook untersucht. Die Analyse per Rasterelektronenmikroskop und Computertomographie kam zu erstaunlichen Ergebnissen. Mit großer Wahrscheinlichkeit müsse der Schädel zumindest von „einer hohen Führungspersönlichkeit unter den Seeräubern“ stammen. Wer also sonst, wenn nicht Störtebeker? Denn die Radiocarbon-Methode lässt zudem eine Datierung der Schädel zu. Sie stammen von 1380 bis 1450, aus jenem Zeitraum also, in dem Klaus Störtebeker und seine Mannschaft in Hamburg hingerichtet worden sein sollen. Nur für die Legende, dass der enthauptete Störtebeker an seiner Manschaft vorbeigehen konnte, stehen wissenschaftliche Belege allerdings – noch – aus.
Tatort-Professor Boerne oder der kalifornische Coroner Quincy: Das Aufgabengebiet von Klaus Püschel steht dem Spektrum von Krimiserien in nichts nach. Nur dient seine Arbeit – jenseits der Störtebeker-Forschung – kaum der Unterhaltung des TV-Publikums. Mit seinen Nachweisen von traurigen wie erschütternden Gewissheiten fordert Püschel oft genug soziale wie politische Konsequenzen ein: für die dringende Änderung von Missständen, unter denen Menschen leiden und zu Tode kommen können. (wh)
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