Gefahr für Blinde

Anzeige
Karsten Warnke und Angelika Antefuhr vom Hamburger Blindenverband vor dem Leitsystem am Langenhorner Loch. Hier wurden die Rippenplatten im Zickzack verlegt und muten den Sehbehinderten unnötige Weg-Schlenker zu. Foto: Biehl
 
Hier führt das Leitsystem zu dicht an die erlaubten Verkaufsstände und Blumenkübel heran. Der Mindestabstand beträgt 60 Zentimeter – die Platten müssen verlegt werden. Fotos: Biehl

Leitsystem falsch verlegt / Bezirksamt muss nachbessern

Von Bert C. Biehl
Langenhorn. Gut gemeint muss nicht gut sein. Vor dieser Erkenntnis steht gerade die Tiefbau-Abteilung des Bezirksamtes Nord. Der Fall: Bei der aktuell noch laufenden Umgestaltung der südlichen Tangstedter Landstraße wurde auch ein Leitsystem für Blinde und Sehbehinderte in den Gehweg eingelassen. Dafür wurde hier erstmals die erst knapp ein Jahr alte Neufassung der Planungshinweise für Stadtstraßen (PLAST), Teil 10, angewandt. Das Problem: Die Neufassung ist so neu, dass sich die Planer verplant haben. Das Ergebnis: Das Leitsystem leitet falsch.
Diejenigen, für die es gedacht ist, werden teils umständlich geführt und geraten an manchen Stellen sogar in Gefahr. An anderen Stellen wiederum sind die verlegten Rippenplatten überflüssig. Die Folge: Nun muss ein großer Teil des Leitsystems wieder aus- und umgebaut werden. Doch es ist noch mehr schiefgelaufen: Auch einige Bordsteinkanten sind falsch gesetzt worden. Und als wäre das nicht genug, ist auch die Öffentlichkeit auf das Leitsystem gar nicht vorbereitet worden.
Die Folge: Autos parken die Leitstreifen zu, Geschäftsleute stellen Kundenstopper und Verkaufsstände darauf – noch mehr Gefahren für Blinde. Am vergangenen Wochenende waren zwei Experten zum Mängel-Check vor Ort.
Mit einem kratzenden Geräusch pendelt der Langstock von Angelika Antefuhr über den Gehweg. Die bewegliche Kugel am Ende des Stabes ertastet die Bodenbeschaffenheit, überträgt jede Unebenheit. So kann die Vorsitzende des Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes Hamburg (BSVH) fühlen, was sie nicht sieht: Wo muss sie entlang laufen, um ihr Ziel zu erreichen?
Testlauf
In der Tangstedter Landstraße weisen Rippen- und Noppenplatten einen Weg – sogenannte Bodenindikatoren. Der Testlauf beginnt auf der südöstlichen Seite Ecke Tannenweg. Ab hier ist die Pflasterung in Richtung Bahnhof frisch fertig geworden - aber leider nicht optimal. Hier taucht auch gleich das erste Problem auf: „An dieser Stelle müsste der Bordstein sechs Zentimeter hoch sein. Ist er aber nicht“, erläutert Karsten Warnke, 2. Vorsitzender des BSVH. Bei geringerer Höhe kann der Mobilitätsstock den Absatz nicht mehr so gut erkennen – Stolpergefahr.
Weiter geht es gen Bahnhof. Hier liegen Rippenplatten fast schon unter einer Hecke, die das staatliche vom privaten Grundstück trennt. Einmal abgesehen davon, dass ein Blinder leicht in die Hecke laufen könnte – „hier sind die Platten eigentlich überflüssig, denn wir nehmen Hecken oder Wände akustisch wahr“, so Warnke. Die Verlegung eines Leitstreifens entlang der Grundstücksgrenzen sei dort sinnvoll, wo sich keine unmittelbaren Häuser- und andere Wände oder sonstige tastbare Begrenzungen befänden.“
Die Geschäftsleute nutzen den Platz vor ihren Läden für Auslagen, Blumenkübel oder Schilder. Die Rippenplatten führen zu eng daran vorbei. „Sie müssen einen Abstand von mindestens 60 Zentimetern haben“, sagt Warnke. Ganz verrückt wird es auf der anderen Straßenseite vor dem Bürgerhaus und dem „Langenhorner Loch“. Hier wurden die Rippenplatten im Zickzack um Stromkästen und Hausvorsprünge verlegt. „Ein Parcours“, spottet Angelika Antefuhr. Wie gut, dass Sperrbaken aufgestellt wurden. Ohne die würde, wer dem Blindenleitsystem folgte, unweigerlich in die Baugrube fallen. „Ein Schildbürgerstreich“, meint auch Michael Behrmann. Der Vorsitzende des Heimatvereins hatte die Mängel ebenfalls entdeckt und sofort das Quartiersmanagement informiert.
„Die Planer befinden sich noch in der Lernphase zur Umsetzung der PLAST 10 und deren Abweichungen“, entschuldigte Katja Glahn, Sprecherin des Bezirksamtes, die Mängel bei der Bauausführung. Nach Ansicht der BSVH-Vorständler wären diese Missverständnisse allerdings vermeidbar gewesen: „Auf der Grundlage der Plan-Verschickung 2011 hatte die Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen eine Stellungnahme eingereicht. Darin wurde auch darum gebeten, den BSVH an der Ausführungsplanung zu beteiligen“, so Warnke. Der Verband hatte seinerseits beim Bezirksamt Alarm geschlagen – und erst danach die Ausführungspläne erhalten. Immerhin: Noch in dieser Woche, versprach Glahn, soll damit begonnen werden, die Fehler zu beheben. Falls der Schnee das zulässt. (bcb)


Bodenindikatoren sollen blinden und sehbehinderten Menschen die Orientierung erleichtern. Grundlage ist die DIN 32984 bzw. in Hamburg die PLAST 10. Bodenindikatoren bestehen aus Rippen- und Noppenplatten. Sie haben unterschiedliche Bedeutungen. Es gibt Leitstreifen, die von A nach B führen und Rippenplatten aufweisen. Es gibt Noppenplatten, die als Aufmerksamkeitsfelder zur Hinführung von Straßenquerungen und Bushaltestellen dienen. An Straßenquerungen geben Rippenplatten die Richtung der Straßenquerung an
oder bedeuten, dass hier keine sichere Querung vorhanden ist, weil hier bei einer sog. Doppelquerung eine Nullabsenkung für Menschen mit Rollstühlen, Rollatoren oder Kinderwagen vorhanden ist. (bcb)
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige