Hamburg: „Alzheimer ist kein Tabu mehr“

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Im „Vergissmeinnicht-Chor“ der Alzheimer Gesellschaft Hamburg haben von Demenz Betroffene und Nichtbetroffene viel Spaß
 
Tobias Götting (45), Pastor der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Ansgar in Langenhorn, ist seit acht Jahren Vorstandsmitglied der „Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V.“ und seit September 2013 deren Vorsitzender Fotos: wb

Tobias Götting zieht zum 20. Jubiläum der Alzheimer Gesellschaft Hamburg Bilanz

Hamburg. Der Dachverband „Deutsche Alzheimer Gesellschaft“ umfasst 135 auf Landes- und Regional- Ebene organisierte Gesellschaften. Dazu zählt auch die „Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V.“, die am 24. Februar ihr 20-jähriges Bestehen feiert. Für das Hamburger Wochenblatt sprach Claudia Blume mit dem Vorsitzenden Tobias Götting.
Wochenblatt: Worin besteht die Arbeit der „Alzheimer Gesellschaft Hamburg“?
Tobias Götting: Als Selbsthilfeorganisation setzen wir uns für die Verbesserung der Situation der von einer Demenz Betroffenen und ihrer Familien ein. Neben konkreten Hilfen sind Aufklärung und Hilfsbereitschaft zu aktivieren große Themen, denn die steigende Zahl von Demenzerkrankungen stellt eine gesellschaftliche Aufgabe dar. Wir versuchen, den Erkrankten und Angehörigen eine hörbare Stimme in Politik und Gesellschaft zu geben. Alzheimer ist kein Tabu mehr. Der Umgang mit der Krankheit ist offener geworden. Zum einen ist fast jeder schon persönlich mit dem Thema in Kontakt gekommen und kennt Betroffene im Familien- oder Freundeskreis. Zum anderen sind Prominente an die Öffentlichkeit getreten - wie Ronald Reagan, Rudi Assauer oder die Familie von Professor Walter Jens. Sie sagen sinngemäß: Schaut her, es kann jeden treffen. Doch niemand muss sich schämen, keiner ist allein.

WB: Welche Hilfen bieten Sie an?
Götting: Mit der Gründung der „Alzheimer Gesellschaft Hamburg“ vor 20 Jahren wollte man vor allem das Augenmerk auf die Angehörigen legen. Denn nur wenn es ihnen gut geht, geht es auch ihren betroffenen Familienmitgliedern gut. In diesem Sinne bieten wir unbürokratische Beratung per Telefon, Gesprächsgruppen zum Informationsaustausch und thematische Kurse über Hilfsmöglichkeiten bis hin zu rechtlichen Aspekten an.

WB: Das Angebotsspektrum ist stetig gewachsen, finden auch Erkrankte Hilfe?
Götting: Sicher. Betreuungs- und Gesprächsgruppen werden gut frequentiert. Vor allem jüngere Menschen mit beginnender Demenz haben oft noch große Ressourcen für Aktivitäten, die unbedingt unterstützt werden sollten. Das können zum Beispiel Ausflüge oder Theaterbesuche sein, die wir gemeinsam mit ihnen organisieren. Wichtig ist, vom Stigma der Krankheit wegzukommen; nicht ausschließlich auf Defizite zu schauen, sondern zu erkennen, was noch lange möglich bleibt.

WB: Wie finanziert sich die Alzheimer Gesellschaft Hamburg?
Götting: Wir erhalten eine Förderung durch die Gesundheitsbehörde und finanzielle Mittel auch von den Pflegekassen. Wir sind daneben auf Mitgliedsbeiträge, Spenden und die Unterstützung durch Stiftungen angewiesen.

WB: Im vergangenen Jahr beklagten Sie ein Defizit von 80.000 Euro.
Götting: Leider musste eine Stiftung überraschend ihre Förder-Zusage zurücknehmen. Glücklicherweise konnten wir einen Großteil des Fehlbetrages durch Zuwendungen der Behörde und durch kleinere Stiftungen ausgleichen. Dauerhaft gesichert ist unsere Finanzierung jedoch nicht.

WB: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Götting: Ich wünsche mir für unsere wichtige gesellschaftliche Arbeit vor allem Planungssicherheit und ein stabiles finanzielles Standbein, das mehr ermöglicht als nur kurzfristige Projektarbeit. Ich wünsche mir auch noch mehr Engagement der Hamburger. Warum erst dann mitmachen, wenn man selber betroffen ist?

WB: Über mehr Zulauf bei den Mitgliedern würden Sie sich
sicher freuen?
Götting: Vielleicht können wir in diesem Jahr die 500er-Marke knacken – derzeit haben wir gut 400 Mitglieder und 100 Ehrenamtliche, die uns aktiv unterstützen – wir können noch viel mehr tatkräftige Hilfe gebrauchen.

WB: Sie fordern, dass Demenzerkrankte und ihre Angehörigen einen festen Platz im öffentlichen Leben haben sollten. Gibt es neue Betreuungs- und Pflegeformen?
Götting: Wir müssen Gesellschaft und Politik anregen, wie
in Hamburg schon mancherorts geschehen, weiter über die Struktur eines Stadtteils nach-zudenken, in dem Menschen mit Demenz willkommen sind – das reicht von der Einrichtung kleinerer Wohngemeinschaften über die Verbesserung der hausärztlichen Versorgung und ambulante Pflegeangebote bis zu Patenschaften von Kitas für Seniorenheime. Wichtig ist auch der Ausbau demenz-sensibler Krankenhäuser durch entsprechende Schulungen von Mitarbeitern und Ehrenamtlichen wie etwa den „Grünen Damen“, die bereits in einigen Hamburger Krankenhäusern hervorragende Arbeit leisten.


Info:
Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V., Wandsbeker Allee 68, 22041 Hamburg, Tel.: 68 91 36 25, www.alzheimer-hamburg.de, Telefonische Beratung: 47 25 38, Montag und Donnerstag von 10 bis 13 Uhr
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