Hamburg: Wenn die Aufmerksamkeit gestört ist

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Unkonzentriert, antriebslos, abgelenkt: Nicht immer steckt eine Krankheit dahinter, doch es kann auch AD(H)S sein Symbolfoto: thinkstock
 
Birgit Weigel (l.) und Helga Meyer beraten rund um das Thema AD(H)S Foto: Christa Möller

AD(H)S-Symposium für Kinder und Erwachsene am 22. März in Hamburg-Farmsen

Von Christa Möller
Hamburg. Kreativ, hilfsbereit, mit großem Gerechtigkeitssinn – das sind die positiven Eigenschaften von Max*. Seine ersten Schuljahre hat er dennoch nicht in allzu guter Erinnerung. Der verträumte Junge tat sich schwer mit dem Lesen und Schreiben, suchte ständig irgendwas in seinem Ranzen, war häufig nicht bei der Sache und hatte Schwierigkeiten, Arbeiten zu Ende zu bringen. „Minderbegabt“, meinte die Lehrerin. Dass ihr Kind eine ernste Krankheit haben könnte, wurde den Eltern erst Jahre später klar, als sie endlich eine Diagnose dafür erhielten: AD(H)S, also Aufmerksamkeits-Defizit-Störung, in diesem Fall ohne H = Hyperaktivität. Denn nicht alle Betroffenen sind Zappelphilippe, die den Unterricht stören und dadurch bereits früh auffallen. Aber alle leiden an der neurobiologisch bedingten Störung, die durch einen Mangel an Botenstoffen verursacht wird und mit Entwicklungs- und Gehirnreifungsverzögerungen einher geht.

Vielfältige Symptome

Die Symptome sind vielfältig, typisch sind oftmals Schwierigkeiten bei der Selbstorganisation, Antriebslosigkeit, Probleme mit der Grob- und Feinmotorik oder Kritikempfindlichkeit sowie mangelndes Durchhaltevermögen. Versagensängste wirken sich negativ auf die Leistung aus, die Frustration in der Schule ist dadurch oft programmiert. So verläuft die Schulzeit für die Kinder selten problemlos, obwohl - oder gerade weil – sie bei Dingen, denen ihr besonderes Interesse gilt, durchaus auch konzentriert bei der Sache sein können.
Birgit Weigel aus Wandsbek und Helga Meyer aus Oststeinbek eint ihr ehrenamtliches Engagement für die AD(H)S-Deutschland- Selbsthilfegruppen, der neun Hamburger Regionalgruppen angehören. Diese halten anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens am 22. März ein Symposium in Farmsen ab (siehe Kasten). Die gelernte Industriekauffrau Birgit Weigel leitet gemeinsam mit ihrem Mann Andreas die Angehörigen-Selbsthilfegrupe Wandsbek und ist außerdem für die Telefon- und E-Mail-Beratung für den Verband zuständig. Sie engagiert sich seit 17 Jahren für den Verein, damals erfuhr sie die Diagnose AD(H)S für ihren Adoptivsohn. Drei Jahre später fand Helga Meyer den Weg ins ehrenamtliche Engagement bei der AD(H)S-Gruppe, ihr Sohn ist betroffen. Die pensionierte Oberstudienrätin im Sonderschulbereich ist Hamburger Landesgruppenleiterin und leitet die Bergedorfer Gruppe. „Die ganz Ruhigen werden nicht so wahrgenommen, sie stören ja nicht“, sagen die beiden Beraterinnen, die regelmäßig an Fortbildungen teilnehmen. „Und außerdem gibt es noch den Mischtypus“, weiß Helga Meyer. Die AD(H)S-
Betroffenen haben keine Automatismen gelernt und brauchen für einfachste Tätigkeiten die drei- bis fünffache Zeit: „Das fängt morgens beim Anziehen an.“ Ein großes Problem ist die mangelnde Akzeptanz der Erkrankung in der Öffentlichkeit. Dabei wäre gerade für sie die Wertschätzung in der Schule wichtig, wo diese Kinder Struktur und Regeln brauchen, aber auch Konsequenzen kennenlernen müssen. Das gilt zuhause natürlich ebenso. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung sind betroffen, quer durch alle Gesellschaftsschichten, unabhängig von der Intelligenz. Viele AD(H)S-ler verlassen die Schule ohne Abschluss, suchen Zuflucht im Alkohol oder gelangen auf die schiefe Bahn. „Der Leidensdruck zeigt sich nicht nur in der Schule, sondern auch zuhause“, so Birgit Weigel. „Wenn Sie ein heftig betroffenes Kind haben, fühlen Sie sich morgens um 10 Uhr, als wäre es schon zwölf Stunden später“, weiß Helga Meyer. Denn auch die Mütter kommen nicht zur Ruhe. Hilfe bringt kompetente ärztliche Behandlung – aber vor 20 Jahren gab es die kaum. „Damals gab es in ganz Hamburg nur einen Arzt, der sich damit auskannte.“ Mit seiner Unterstützung entstand die Selbsthilfegruppe. Heute praktizieren immerhin 15 Ärzte in Hamburg, die sich auf AD(H)S bei Kindern spezialisiert haben. Schwieriger ist es für Betroffene im Erwachsenenalter. Seit etwa sieben Jahren ist bekannt, dass die genetisch bedingte Erkrankung sich keinesfalls „auswächst“.

Freunde finden ist schwer

„Unruhe und Aufmerksamkeitsstörung bleiben bestehen, nie können die Betroffenen den Ansprüchen genügen und schon die Kinder haben Schwierigkeiten, Freunde zu finden“, weiß Helga Meyer. Folgen der Reizfilterschwäche sind oft Depressionen oder Burnouts. Spezialisten für Erwachsene gibt es wenig: Nur zwei Ärzte in Hamburg sowie zwei weitere im Umland können erwachsenen AD(H)S-lern helfen, wie die beiden Gruppenleiterinnen sagen. Besonders bei den schwer Betroffenen können Medikamente helfen, den Dopamin-Haushalt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Auch eine Verhaltenstherapie verspricht Erfolge. Nicht zuletzt sind Eltern-Training und –Beratung empfehlenswert. Allerdings üben die Krankenkassen hier bei der Bezahlung oft Zurückhaltung. Und auch seitens der Schulbehörde wird AD(H)S nicht genügend berücksichtigt. Viele Lehrer sind mit den anstrengenden Kindern überfordert, sie bräuchten mehr Fortbildung zum Thema. Und „wenn man das gemeinsam anpackt und positiv an die Sache herangeht, ist man viel erfolgreicher. Dabei ist die Krankheit keinesfalls eine Störung der heutigen Zeit. So manch Älterer erfährt erst, dass er selbst die Krankheit hat, wenn sie bei seinem Kind diagnostiziert wird. Die beiden Frauen wissen von „Über-Fünfzigjährigen, die sagen, ‚hätte ich das bloß eher gewusst‘… Sie blieben alle unter ihren Möglichkeiten.“
Bezüglich der Berufswahl rät Helga Meyer: „Bloß nicht etwas Monotones.“ Viele AD(H)S-ler sind denn auch frei schaffend tätig, etwa als Schauspieler oder Moderatoren. Hier können sie ihre positiven Eigenschaften und Stärken gut einbringen, sind sie doch ideenreich, begeisterungsfähig, besonders kontaktfreudig und offen für die Probleme anderer. „Das Stigma gar nicht erst aufkommen und über die positiven Seiten die negativen bewältigen“, das empfehlen Birgit Weigel und Helga Meyer im Umgang mit Betroffenen. „Sie sind anders. Aber sie sind liebenswert.“

*Name von der Redaktion geändert

Info Symposium:
Am Sonnabend, 22. März, findet anlässlich des 20-jährigen Bestehens der ADHS-Elternselbsthilfegruppen „Michel“ ein Symposium statt im Berufsförderungswerk Hamburg, Haus U, August-Krogmann-Straße 52. Ab 13 Uhr stehen vier Vorträge auf dem Programm: Dr. K.Stollhoff/Dr. K. Skrodzki :ADHS - gestern und heute, C. Neuhaus: Schwierigkeiten meistern, Stärken leben – Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen, Dr. K. Dietrich: ADS- lächelnd einsam, verspielt, verträumt, verloren? Dr.R. Murphy: ADHS und Verhaltenssüchte – die Suche nach dem Kick! Als zusätzlichen Programmpunkt wurde noch ein Vortrag Dr. F. Jansen aufgenommen. Abschließend ist ein Abendessen im Restaurant Fürstenhus, Schweriner Straße 25, geplant. Außerdem findet am Sonnabend von 10 bis 12 Uhr ein Workshop für ab Vierzehnjährige statt: „Aktiviere Deine Stärken für Alltag und Beruf“. Am Sonntag ist ein Trommelworkshop für Jugendliche geplant. 150 Anmeldungen für das Symposium liegen bereits vor. Wer auch dabei sein möchte, sollte sich schnellstmöglich melden unter veranstaltung@adhs-deutschland.de. Weitere Infos unter adhs-deutschland.de oder bei Birgit Weigel unter
Tel.: 040 – 68 91 50 23
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