„Immer öfter streiten Hamburger wegen Lärm“

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Bei Streitigkeiten zwischen Nachbarn (Symbolfoto) steht oft Aussage gegen Aussage Foto: thinkstock

Interview mit Experten zum neuen Ratgeber „Meine Rechte als Nachbar“

Von Malte Betz
14 Jahre ist es her, dass TV-Entertainer Stefan Raab mit seinem Hit „Maschen-Draht-Zaun“ Platz Eins der deutschen Charts eroberte. So lustig wie in dem Song über einen Nachbarschaftsstreit geht es bei Differenzen zwischen Anwohnern leider nie zu. Im Gegenteil: In kaum einem Gebiet des Zivilrechts gibt es so viel Emotionalität und so wenig klare Beweise. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat jetzt den neuen Ratgeber „Meine Rechte als Nachbar“ (240 Seiten, 11.90 Euro, über vzhh, Kirchenallee 22, Tel.: 24 832-0) vorgestellt. Das WochenBlatt sprach mit Marielle Eifler vom Mieterschutzverein Hamburg und Julia Rehberg von der Verbraucherzentrale.

Hamburger WochenBlatt: Es ist die fünfte Neuauflage des bestehenden Ratgebers – ändert sich die Rechtslage derart schnell?
Julia Rehberg (Verbraucherzentrale): Nein, Verordnungen und Gesetze bleiben relativ konstant. Entscheidend ist die Auslegung einzelner Punkte durch die Gerichte, die sich im Laufe der Zeit immer wieder ändert. Mancher Gesetzestext wird heute anders interpretiert als vor 20 Jahren.

WB: Haben Sie ein Beispiel?
Rehberg: Sicherlich zählt das Thema Rauchen dazu. Die Schwelle, ab der sich ein Nachbar durch den Zigarettenqualm des anderen gestört fühlt, ist gesunken. Die veränderte gesellschaftliche Einstellung zum Thema wird auch von Gerichten berücksichtigt. Darum sind aktuelle Urteile maßgebend für uns und geben eine Orientierung. Das spiegelt sich auch im neuen Ratgeber wider.

WB: Aber Gerichte entscheiden oft unterschiedlich . . .
Rehberg: Weil es immer Einzelfälle bleiben, die bei genauerer Betrachtung fast immer anders liegen. Das eine Gericht erlaubt das Grillen nur vier Mal im Jahr, das andere, dass jeden Monat die Kohlen glühen dürfen. Aber die Ausgangssituationen, wie zum Beispiel die baulichen Verhältnisse vor Ort, sind oft unterschiedlich.

WB: Zoffen sich Hamburger Nachbarn öfter oder seltener als im Rest der Republik?
Eifler (Mieterschutzverein): Also die extremen Fälle, die Stoff für ganze Nachmittagsshows im Fernsehen liefern, kenne ich aus Hamburg nicht. Von hanseatischer Zurückhaltung kann allerdings auch nicht die Rede sein. In einer Großstadt mit entsprechender Wohnraumdichte gibt es natürlich mehr Auseinandersetzungen als im Umland.

WB: Worüber wird gestritten?
Eifler: Lärmbelästigung ist in Mehrparteienhäusern ein häufiger Reibungspunkt. Das nimmt sogar zu, obwohl sich der bauliche Lärmschutz bei Neubauten natürlich verbessert.

WB: Können Sie das erklären?
Eifler: Das liegt zum Großteil an unseren veränderten Lebensgewohnheiten: Früher lagen beispielsweise dicke Teppiche in Altbauwohnungen, die mitsamt den schweren Vorhängen viel Schall absorbierten. Heute sind hellhörige Holz- und Laminatböden angesagt. Früher endeten die Arbeitstage für fast alle Bewohner weit lange der Tagesschau. Heute sind die Arbeitszeiten weit ausgedehnter. Folglich ist viel mehr Bewegung in den Wohnungen und damit mehr Lärm.

WB: Nicht jeder Streit muss gleich vor Gericht ausgetragen werden. Wie gehe ich richtig vor, wenn das Gespräch mit dem Nachbarn nichts bringt?
Rehberg: Als Mieter sollten sie zuerst den Wohnungseigentümer informieren und darum bitten, dass er sich um die Belästigung kümmert. Bessert sich nach dessen Intervention noch immer nichts, ist der Gang zum Mieterverein oder einem Anwalt wohl nötig. Immer wichtig: Bei anhaltenden Belästigungen sollte man von Beginn an ein Protokoll führen. Pauschal zu sagen ‚Der Nachbar ist immer so laut‘ bringt einen nicht weiter.
Eifler: Das Protokoll ist ein wichtiger Punkt, denn ein grundsätzliches Problem bei Nachbarschaftsstreitigkeiten ist, dass Aussage gegen Aussage steht. Das macht es jedem Richter schwer. Ich kenne einen Fall, da hat jemand Freunde bei sich übernachten lassen, um für die allnächtliche Lärmbelästigungen von nebenan mehrere Zeugen zu haben.

WB: Warum wird ein Nachbarschaftsstreit schnell emotional?
Rehberg: Die eigene Wohnung ist der intimste Lebensbereich. Logisch, dass da jede Störung leicht auf der persönlichen Schiene landet und zur Eskalation führen kann. Zuhause ist die Empfindsamkeit einfach viel höher als wenn sie sich beispielsweise mit ihrem Automechaniker über einen zu teuren Ölwechsel streiten.
Eifler: So sehe ich das auch. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich wie subjektiv diese Empfindsamkeit ist: Neben mir wohnte früher eine schwerhörige Dame, deren Fernseher so laut war, dass ich die Dialoge im Tatort mithören konnte. Das hat mich nicht sehr gestört. Denn ich mochte diese Nachbarin sehr, nicht zuletzt deshalb weil sie immer liebevoll meinen Hund gehütet hat.
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