In Freiheit seit 25 Jahren

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Nur ein Stück Papier, für Detlef Hannicke aber das Ticket in die Freiheit: die „Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR“, ausgehändigt im August 1988Foto: Biehl

Der Langenhorner Detlef Hannicke wurde einst aus der DDR ausgebürgert

Von Bert C. Biehl
Hamburg. Diesen Satz wird Detlef Hannicke nie vergessen. „Sie wollen also heute unseren sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat für immer verlassen?“, fragt ihn der Grenzsoldat barsch. Jetzt bloß nicht grinsen und jubeln. Ein letztes Mal cool bleiben und den preußischen Amtston über sich ergehen lassen. Dann setzt sich der Zug ruckelnd in Bewegung. Die schwer bewaffneten Posten der Grenztruppen bleiben auf dem Bahnsteig zurück. Dann ist Detlef Hannicke in Freiheit. 25 Jahre Leben in der DDR liegen hinter ihm. Und wenn morgen, am 3. Oktober, viele Tausende die 23. Wiederkehr der Wiedervereinigung feiern, dann kann der Hausmeister des Langenhorner Bürgerhauses bereits auf sein „silbernes Jubiläum“ zurückblicken: 25 Jahre im „Westen“.
Rückblende. Als Detlef Hannicke am 11. September 1962 im sächsischen Großenhain geboren wird, steht die Berliner Mauer schon seit einem Jahr. Wie die meisten DDR-Bürger wächst er mit dem geistigen Spagat auf, der zwischen der offiziellen Propaganda und der Realität erforderlich ist. „Man hörte von Plan-Übererfüllung der Wirtschaft, aber in den Läden gab es nicht viel zu kaufen, in den Betrieben herrschte Mangelwirtschaft“, erinnert sich Hannicke. Dann ist er eines Tages mit Freunden in Bulgarien unterwegs, da ist er 20 Jahre alt. Irgendwie gerät er ins Sperrgebiet einer Landesgrenze, alle werden festgenommen, müssen drei Tage in U-Haft verbringen.
Seine Unzufriedenheit mit dem System wächst. 1986 stellt der gelernte Plastverarbeiter einen Ausreiseantrag. „Zunächst haben die den Antrag zur Kenntnis genommen, mich mit Gesprächen versucht umzustimmen. Immer wieder, zwei, drei Wochen ging das so“, sagt Hannicke. Er bleibt höflich, korrekt, sagt nichts, was ihm strafrechtlich angelastet werden könnte, aber er lässt sich auch nicht von seinem Vorhaben abbringen. Von da an ändert sich sein Leben dramatisch.
Sein Arbeitgeber, der VEB Meißner Schuhfabrik, entlässt Hannicke ohne Begründung. „Ich kriegte erst mal keine Arbeit. Und das, wo in der DDR Arbeitspflicht herrschte. Zehn Bewerbungen habe ich geschrieben, alle erfolglos.“ Schließlich findet er einen Job in einer Textilreinigung, schwere, körperliche Arbeit bei kargem Lohn.
Weil Detlef Hannicke keine eigene Familie hat, versucht die Stasi seine Verwandten unter Druck zu setzen, aber vergeblich. Ein Spitzel wird im Betrieb auf ihn angesetzt: „Der hat es mir aber heimlich offenbart“, freut sich Hannicke noch heute. Zwei Jahre lang fragt Hannicke immer wieder nach dem Bearbeitungsstand seines Antrags. Kann sich nie sicher sein, ob er nicht doch noch „abgeholt“ wird, auf unbestimmte Zeit im Knast verschwindet. Eines Tages wird ihm beim Rat des Kreises erklärt, er habe im Falle einer Ausreise seine völlige Schuldenfreiheit nachzuweisen. Hannicke beginnt ein Spießrutenlaufen durch Banken und Behörden, muss Bescheinigungen einholen bei bestimmten geschulten Mitarbeitern, die ganz genau wissen, wofür er die Papiere benötigt, und die ihn entsprechend behandeln. Auch einen Nachlassverwalter muss Hannicke bestellen. Der soll später die Wohnung für ihn auflösen. Hannicke ahnt nun, dass er rausgelassen wird. Aber er weiß nichts sicher, und vor allem nicht, wann.
Dann geht plötzlich alles ganz schnell. Am 11. August 1988 tritt er um 5.30 Uhr seine Schicht an. Um 6.30 Uhr wird ihm mitgeteilt, er habe um 7 Uhr beim Rat des Kreises zu erscheinen. Es ist ein Mittwoch, an dem die Behörde eigentlich geschlossen hat. Ein letzter Anflug von Angst. Wird er doch verhaftet?
Um 7.12 Uhr erhält Detlef Hannicke seine Urkunde über die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR. Dafür hat er 30 Ostmark als Gebühr zu entrichten. Die DDR hat er noch am selben Tag zu verlassen. Um 9.30 Uhr geht der einzige Zug im 20 Kilometer entfernten Riesa. Doch zuvor muss Hannicke zur Polizei. Sein Ausweis wird eingezogen, er erhält lediglich eine Identitätsbescheinigung, Nummer 3086587. Die kostet weitere 25 Ostmark. Die Polizisten lassen ihn schmoren. Und die Uhr läuft gegen Hannicke. Er muss ein Taxi nehmen, hat noch genau eine Stunde, um ein paar persönliche Sachen in einen Koffer zu werfen. Dann sitzt er im Zug. Um 15.25 Uhr erreicht Hannicke den Grenzbahnhof. Dort fällt der Satz des Grenzsoldaten, „den ich nie vergessen werde“.
Seine Stasi-Akte hat Detlef Hannicke noch nicht eingesehen, auch nach zwei Jahrzehnten nicht. „Das schiebe ich noch etwas auf.“
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