„In St. Lukas ist nichts geheim“

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Propst Dr. Johann Hinrich Claussen gab dem WochenBlatt vor Pfingsten ein Interview – wie es in St. Lukas weiter geht, wird die Gemeindeversammlung am 26. Mai zeigen Foto: Krause

Propst Dr. Johann Hinrich Claussen im Gespräch mit dem WochenBlatt

Fuhlsbüttel. „Soviel du brauchst“ lautete das Motto des Kirchentages. Mehr als sie braucht hat die St. Lukas-Gemeinde in Fuhlsbüttel in den letzten Wochen Aufsehen erregt.

Der erst im November in sein Amt als Pastor eingeführte
Michael Kempkes – schon nach sehr kurzer Zeit bei vielen Gemeindemitgliedern und im Kindergarten beliebt – hat St. Lukas wieder verlassen. Grund waren unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten mit dem Kirchengemeinderat unter dem Vorsitz von Petra Roedenbeck-Wachsmann in für Kempkes substantiellen Fragen. Proteste und eine Unterschriftenaktion erzwangen eine außerordentliche Gemeindeversammlung. In Paragraf 48 der Kirchengemeindeordnung heißt es dazu unter anderem sinngemäß: „die Gemeindeversammlung kann Entscheidungen des Kirchengemeinderates anregen und sie kann Anfragen und Anträge an den Kirchengemeinderat stellen Der Kirchengemeinderat hat seine Entscheidung über Anregungen, Anfragen und Anträge innerhalb von drei Monaten der Kirchengemeinde bekannt zu geben.“ Obwohl von der Satzung nicht vorgesehen, wurde mit Unterstützung des Kirchenkreises der Versuch unternommen, die Versammlung zu einer Mediation zu nutzen, in der mit der Gemeinde „Gesprächskultur eingeübt“ werden sollte. Entschiedene Proteste verhinderten das. (wir berichteten). Gemäß Paragraf 48.4 wurde ein Antrag mehrheitlich angenommen, der den Kirchengemeinderat (KGR) zum Rücktritt aufforderte.
Das WochenBlatt sprach vor der Gemeindeversammlung, die am 26. Mai nach dem 11 Uhr-Gottesdienst stattfinden wird, mit dem zuständigen Propst Dr. Johann Hinrich Claussen über die Vorgänge an St. Lukas.

WochenBlatt: Am 26. Mai wird die nächste, ordentliche Gemeindeversammlung sein. Im Vorfeld sprachen Sie von der „Organisation einer angemessenen Mediation.“ Warum halten Sie und der KGR an diesem Vorhaben fest, obwohl der letzte Versuch gescheitert ist und obwohl die Satzung sie nicht vorsieht?
Propst Claussen: Gespräche, Briefe und Mails, die mich vor der außerordentlichen Gemeindeversammlung erreichten, gaben mir Anlass zur Sorge, dass nicht mit, sondern – auch in verletzender Weise – übereinander gesprochen werden könnte. Zum Abschluss der damaligen Zusammenkunft gab es nicht wenige Stimmen die dafür plädierten, das gemeinsame Gespräch bei der nächsten Versammlung zu vertiefen. Dieses Engagement sollten wir nutzen, sei es in Form einer Mediation oder anders.

WB: Mit der 2005 erfolgten Gründung des Vereins „+Zeichen setzen St. Lukas“ wurden Kernkompetenzen – Herausgabe des Gemeindebriefes und Pflege der Homepage, Ausrichten des Basars – von der Gemeinde auf den Verein verlagert. Der Vorstand des Vereins setzt sich zurzeit, bis auf eine Ausnahme, aus Mitgliedern des KGR zusammen. Halten Sie die Verlagerung dieser Aktivitäten auf den Verein für richtig – bildet er nicht so einen Neben-KGR ohne Legimitation durch die Gemeinde?
Claussen: Fördervereine sind in Zeiten rückläufiger Kirchensteuern ein wichtiges Instrument. Die Positionen im Vorstand dieses Vereins sind nicht an Personen, sondern an Funktionen gebunden. Das heißt, ein personeller Wechsel im KGR würde demnach auch einen Wechsel im Vorstand des Vereins mit sich bringen. Wenn nicht, wäre das Anlass, die Rolle des Vereins zu überdenken.

WB: Wer auf der vom Verein betriebenen Homepage der Gemeinde (http://stlukas.jimdo.com) unter der Rubrik ‚Termine‘ sucht, findet den 26. Mai mit der Gemeindeversammlung nicht. Auch im Schaukasten fehlt der Hinweis. Wie bewerten Sie das?
Claussen: Das ist ein bedauerliches Versäumnis und wurde
geändert.

WB: Dafür findet sich auf der Startseite der vom Verein verantworteten Homepage ohne weitere Hinweise ein Auszug aus Matthäus 7, in dem ‚von Heuchlern die Rede ist, die den Splitter im Auge des Bruders bemerken, aber nicht den Balken im eigenen Auge.‘ Können Sie sich vorstellen, warum der Text dort steht und wer konkret angesprochen werden soll?
Claussen: Das war mir unbekannt und wurde inzwischen geändert. Grundsätzlich ist es nicht ungewöhnlich, dass auf kirchlichen Internetseiten Bibelzitate auftauchen. Wenn hier, in der von der Bibel geforderten Weise, der Zeigefinger auf sich selbst und nicht auf den Bruder gerichtet worden sein sollte, ist das auch in Ordnung. Anderenfalls nicht.

WB: In Paragraf 19 der Gemeindeordnung heißt es unter Punkt 4 „Der KGR trägt Sorge dafür, der Friede in der Kirchengemeinde gewahrt und die Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi gestärkt wird.“ Sehen Sie diesen Anspruch durch den derzeitigen KGR von St. Lukas in der Frage des Weggangs von Pastor Kempkes umgesetzt?
Claussen: Das ist ein hoher Anspruch. Ich gehe davon aus, dass jedes Mitglied des KGR – wie auch ich selbst - sich diesem Anspruch stellt und dem Gemeindefrieden dienen möchte. Dass uns dies zurzeit offenkundig nicht gelingt, ist eine bittere Erfahrung. Davon nehme ich mich selbst ausdrücklich nicht aus.

WB: Dadurch, dass die Meinungsverschiedenheiten zwischen KGR und Michael Kempkes nur nebulös beschrieben wurden, fühlen sich Teile der Gemeinde nicht ernst genommen. Können Sie deren Gefühle verstehen? Was ist an den Gründen ‚geheim‘?
Claussen: Ich denke, dass hier nichts ‚geheim‘ gehalten wurde. Konkret geht es um drei Punkte, deren Bewertung zwischen dem KGR und Pastor Kempkes kontrovers ausfiel und die atmosphärischer und struktureller Natur sind:
1. Ist der bisher gepflegte Umgangston in der Gemeinde angemessen?
2. Hat der Pastor einen seiner Aufgabenstellung entsprechenden eigenständigen Gestaltungsfreiraum? Wie soll sein Verhältnis zum KGR gestaltet werden, wenn dieser von einem Ehrenamtlichen geleitet wird?
3. Wie ist das Miteinander der unterschiedlichen Gruppen von Ehrenamtlichen in der Gemeinde? Wie kann Verantwortung in Zukunft mehr geteilt werden, ohne dass undeutlich wird, wer letztlich die verfassungsgemäße Verantwortung trägt? All diese Fragen sind auch auf der außerordentlichen Gemeindeversammlung angesprochen werden und sollen weiter diskutiert werden.

WB: Ist der mehrheitlich geforderte Rücktritt des KGR nicht eine gute demokratische Möglichkeit, entweder bisherige Mitglieder erneut zu bestätigen oder neue Mitglieder zu berufen?
Claussen: Hier liegen ‚pro‘ und ‚contra‘ dicht beieinander. Man kann bei einem Konflikt einen grundlegenden Neustart versuchen. Man kann aber auch Übergänge gemeinsam vereinbaren. Neben der Konfliktlösung beschäftigt mich auch die praktische Frage, wie in einer laufenden Wahlperiode mit einer möglichen Vakanz zu verfahren ist. Ganz klar: im Sinne der Gemeindeordnung und von Seiten der Kirchenleitung gibt es keine Vorwürfe, die den KGR zwingen könnten, von sich aus einzeln oder geschlossen zurückzutreten. In Umbruchszeiten sollte man darauf achten, möglichst beides zu verbinden: neu anfangen, Bewährtes aber nicht zerstören. Wichtig ist mir, dass sich dabei viele Menschen auf Dauer mit einbringen. Ebenso wichtig, dass es nicht darum gehen darf, wer am Ende gewonnen oder verloren hat.

WB: Trifft es nach Ihrem Wissen zu, dass in der Vergangenheit Personalfragen in der Gemeinde nicht immer feinfühlig geregelt wurden?
Claussen: Dazu kann ich in dieser Allgemeinheit nichts sagen.

WB: Was empfehlen Sie dem KGR – was der ganzen
Gemeinde?
Claussen: Ich werde bei der nächsten Gemeindeversammlung nicht dabei sein können, aber zuvor nochmals mit dem KGR zusammen kommen. Mein Rat: Verletzungen müssen im Gespräch aufgearbeitet werden, die Beteiligten sollten ihre Aspekte benennen, aber auch auf die der „Gegenseite“ hören. Kritik muss angemessen formuliert und wirklich gehört werden. Es geht um die Gemeinde und deren Glaubwürdigkeit. Die liegt allen am Herzen. Ich bin sicher, dass hier der Schlüssel zu einer guten Lösung liegt.
Das Gespräch führte Franz-Josef Krause
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