Sind Westen bald Pflicht?

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Werner Sparmann, der Vorsitzende des „Der Hamburger und Germania Ruderclub“ hat eine außerordentliche Vorstandsitzung einberufen, um die Schwimmwestenpflicht zu diskutieren Foto: Hanke
 
In Ruderkreisen empfohlen wird oft die Secumar-Rettungsweste 15 SR für 149 Euro. Durch ihre extrem kurze und flache Bauform soll sie die Bewegung nur wenig einschränken.Foto: Bernhardt Apparatebau

Nach Tod von Ruderer: Clubs diskutieren, Nachfrage steigt

Von Christian Hanke
Rotherbaum. Nach dem Tod eines 13 Jahre alten Ruderers auf der Außenalster ist eine Diskussion um das Tragen von Rettungwesten entbrannt. Der „Hamburger und Germania Ruderclub“ hat eine Sondersitzung des Vorstands einberufen, um mit den Ausbildern die Frage der Schwimmwestenpflicht zu erörtern. Hersteller verzeichnen eine gestiegene Nachfrage an Westen.
Neun Tage nach dem Unglück war am Sonntag die Leiche von Lorenz entdeckt und geborgen worden. Er war am 19. April mit seinem Boot gegen eine Boje gestoßen, gekentert und im elf Grad kalten Wasser versunken. Eine Suchaktion war erfolglos geblieben. Die Eltern von Lorenz aus Blankenese werden psychologisch betreut.
Der Landesruderverband Hamburg will nun „gemeinsam mit den Mitgliedsvereinen und der Unterstützung von Experten aktiv an der Aufarbeitung teilnehmen“, wie der Verbandsvorsitzende Jürgen Warner sagt. Die Diskussion um das Tragen von Rettungswesten müsse jedoch bundesweit geführt werden. Bei Westen-Herstellern hat der Unfalltod in Hamburg bereits für Reaktionen gesorgt. Anne Finck vom Bernhardt-Apparatebau aus Holm (Schleswig-Holstein) erläutert: „Besorgte Eltern rufen bei uns an, auch Vereine erkundigen sich.“ Das Argument, Westen seien unbequem und beim Rudersport daher nicht gut einsetzbar, lässt sie nicht gelten: „Es gibt längst Westen, die leicht, flach und bequem sind.“ Als Beispiele nennt sie die Secumar Canoe Plus oder die 15 SR. Beide sind ab 40 Kilo Körpergewicht tragbar. Hätte Lorenz eine Weste getragen, so Finck, „hätte es seine Chancen aufs Überleben verbessert.“ Der Landesruderverband möchte nicht „mit kurzfristigen Anordnungen der zu führenden Diskussion vorgreifen.“ Der älteste der Mitgliedsvereine, der „Hamburger und Germania Ruderclub“ – Nachbar des Ruderclubs Favorite Hammonia am Alsterufer, von dem der später verunglückte Lorenz gestartet war, hat schon gehandelt: Kinder, Jugendliche und Eltern wurden zu einer Versammlung eingeladen, auf der der Club seine Ruderordnung erläuterte. „Es wurde uns das Vertrauen ausgesprochen“, sagt der erste Vorsitzende, Werner Sparmann. „Es ist unüblich in Ruderbooten Schwimmwesten zu tragen. Sie behindern die Bewegungsfreiheit“, erläutert Sparmann. In der außerordentlichen Vorstandssitzung soll nun aber über die Anschaffung von neuen leichten Schwimmwesten und über eine Schwimmwestenpflicht ab zwölf Grad Celsius Wassertemperatur gesprochen werden.
Ob eine Schwimmwestenpflicht aber wirklich nützt, bezweifelt Annelie Sämann-Reich vom Bootsverleiher „Bobby Reich“ in Winterhude. „Jugendliche ab 14 Jahren ziehen Schwimmwesten nicht mehr an“, ist sie sich sicher. Bei Bobby Reich müssen zwar alle Kinder und Jugendliche, die aufs Wasser fahren, Schwimmwesten mitnehmen, doch ob sie angelegt werden, kann niemand sicher überprüfen.
Polizei unterwegs
Auch auf Bodo´s Bootsteg am Anleger Rabenstraße werden Schwimmwesten ausgegeben. Wie Bootsbenutzer damit umgehen, kann aber auch hier niemand immer überprüfen. Die Polizei betont, dass ihre bürgernahen Beamten (Bünabes) Vereine und Verbände regelmäßig aufsuchen und das Tragen von Schwimmwesten anmahnen.
Die Alster gilt generell nicht als gefährliches Gewässer. „Die Alster ist ein ruhiger strömungsfreier Fluß“, betont Kerstin Graupner von der Umweltbehörde. Segler müssen zwar mit Fallwinden rechnen, für Ruderer ist das ruhige Wasser der Außenalster in der Regel kein Problem. Vermutlich hat das elf Grad Celsius kalte Wasser einen Kälteschock bei dem Jungen ausgelöst. Graupner sagt: „Es wäre sinnvoll, wenn die Ruderer erst bei 15 Grad Celsius aufs Wasser gingen. Denn erst ab dieser Temperatur ist es unwahrscheinlich, dass Menschen einen Kälteschock bekommen.“ Der Unfall wird fast überall als Ausnahme gesehen. „Ich arbeite jetzt seit 40 Jahren hier und ich weiß nur von einem Unfall mit tödlichem Ausgang“, erzählt Annelie Sämann-Reich vom Bootsverleih.
An der Außenalster geht das Leben wieder - nach außen zumindest - seinen gewohnten Gang. Spaziergänger, spielende Kinder, Boote auf dem Wasser. Hätte da nicht mehr Anteilnahme sichtbar werden müssen? Pastorin Brigitta Heubach-Gundlach von der St. Johanniskirchengemeinde-Harvestehude entgegnet: „Der Kummer ist so groß. Da ist es nicht hilfreich, wenn andere Menschen viel machen. Wenn ich gefragt werde, gebe ich seelsorgerische Begleitung.“ In der Nähe der Boje 5 haben Trauernde Kerzen und Blumen abgelegt. (ch)
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