So gammelt‘s weiter in den Gagfah-Wohnungen

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Schimmel im Kinderzimmer: Durch alte undichte Holzfenster zieht es in der Wohnung im zweiten StockFotos: Thielcke
 
Christa Vollmers wohnt in einer Gagfah-Wohnung am Gropiusring

Zwei Jahre nach dem Skandal: Schimmel und kaputte Aufzüge in Steilshoop. Mieterverein: Investitionen reichen nicht

Von Marco Thielcke

Steilshoop. Verwahrlosung auf Kosten der Mieter zugunsten des Profits: So lautete 2011 der Vorwurf in Hamburg gegen die Gagfah, eine der größten börsennotierten Wohnungsgesellschaften Deutschlands. Das Hamburger Abendblatt berichtete über Mieter in Wilhelmsburg, die zwischen schimmeligen Wänden mit verstopften Abflüssen und kaputten Fahrstühlen lebten (siehe Infokasten). Der Skandal machte bundesweit Schlagzeilen, als die Behörden in Dresden und Hannover ermittelten, es ging um mögliche Verstöße gegen Sozialchartas und Ermittlungen wegen Körperverletzung.

Nachdem in Hamburg die Politik den Druck auf die Gagfah erhöhte, lenkte die Firma im Juli 2011 ein und kündigte an, die Beschwerden der Mieter aufzuarbeiten, die Investitionen in den Wohnungsbestand zu verdoppeln und den Aktionären die Dividende zu streichen.

Doch jetzt, zweieinhalb Jahre später, steht fest: Es ist noch längst nicht alles gut im Gagfah-Land. „Ganz im Gegenteil“, sagt Jurist Wilfried Lehmpfuhl (62), vom Mieterverein zu Hamburg. „Wir haben noch immer Dutzende unbearbeitete Fälle auf dem Tisch und es werden immer mehr.“

In Hamburg besitzt das Unternehmen, das früher gemeinnützig war und inzwischen zu knapp 50 Prozent dem US-Finanzinvestor Fortress gehört, nach eigenen Angaben derzeit 9145 Wohnungen, allein 2088 in Steilshoop. Nachdem sich beim Wochenblatt Mieter gemeldet und von massiven Problemen berichtet hatten, zeigt ein Ortstermin am Gropiusring 56 ein erschreckendes Bild: Vermüllte und feuchte Keller, kaputte Fahrstühle, Schimmel in den Wohnungen - so möchte niemand gerne leben. Bewohner berichten von „endlosen Gesprächen“ mit der Gagfah. Bei Beschwerden werde man nur hingehalten, statt dessen habe der Eigentümer jetzt eine Mieterhöhung pro Einheit bis zu 40 Euro angekündigt.

Christa Vollmers zahlt derzeit 525 Euro Kaltmiete für 78 Quadratmeter. Seit Jahren hat sie Schimmel in der Wohnung. „Im Schlafzimmer löste sich schon die Tapete“, erzählt die 59-Jährige. „Der Hausmeister sagte nur, dass ich falsch lüfte“ - ein Standardvorwurf im Wohnungswesen. Mieterin Vollmers: „Erst, als ich mit Mietminderung drohte, passierte etwas.“ In ihrer Wohnung brummen 24 Stunden am Tag Entfeuchter, zwei Wochen lang. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die alte Badewanne undicht war, sich darunter Wasser sammelte und so die Wände durchnässte.

Auch der Fahrstuhl macht Christa Vollmers und ihren Nachbarn immer wieder Probleme. „Zwei bis drei Mal in der Woche ist der Aufzug außer Betrieb“, schätzt Fatih Turhan aus dem fünften Stock. Der 25-Jährige sitzt im Rollstuhl. Ohne Aufzug kommt er von seiner Wohnung nicht zu seinem Auto. Turhan macht eine Lehre bei der Telekom zum Kaufmann für Dialogmarketing. Kundenservice gehört zu seiner Arbeit. Sein Eindruck von der Gagfah? „Mit Kundenservice hat das nichts zu tun“, sagt Turhan. Fährt der Fahrstuhl nicht, ist Turhan auf Freunde angewiesen, die ihn dann aus seiner Wohnung tragen müssen. „Das mache ich nur sehr ungern, aber wenn ich pünktlich zu Arbeit kommen will, muss das sein“, sagt der junge Mann.

Ein paar hundert Meter weiter, am Schreyerring 51 liegt eine Zweigstelle der Gagfah. Christa Vollmers und ihre Nachbarn waren alle schon mal hier, sagen sie. „Antworten bekommt man hier selten. Als ich das letzte Mal da war, sagte der Mitarbeiter doch tatsächlich: ,Tut mir leid, das Budget ist aufgebraucht, wir können nichts mehr machen‘“, sagt Vollmers. Von der Gagfah heißt es: „Wir arbeiten die Fälle so schnell wie möglich ab“, so Pressesprecherin Bettina Benner. Der Immobilienkonzern plant nach eigenen Angaben die Investitionen in den Wohnungsbestand um 35 Prozent zu erhöhen. In dem Budget sei eine Erneuerung des Fahrstuhls am Gropiusring 56 eingeplant.

„Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt dagegen Wilfried Lehmpfuhl vom Mieterverein zu Hamburg. „Die Gagfah hat jahrelang nur wenig in die Wohnungen gesteckt. Dadurch hat sich ein enormer Modernisierungsbedarf angestaut. Es müsste mindestens das Doppelte, also 36 bis 38 Euro pro Quadratmeter, investiert werden“, so Lehmpfuhl.

Für das neue Jahr sieht die - immer noch verschuldete - Gagfah jedoch rosige Geschäftszeiten. Thomas Zinnöcker, seit Frühjahr 2013 an der Spitze der Gagfah Group, geht laut „boerse.ARD.de“ von einem Gewinnwachstum von 25 Prozent in 2014 aus und plant wieder eine Dividende an seine Aktionäre auszuschütten.


Der Gagfah-Skandal

„Die Akte Gagfah: Mieter-Aufstand gegen Wohnungskonzern“: Unter diesem Titel berichtete das Hamburger Abendblatt ab April 2011 über das Gebahren des Immobilienunternehmens, das bis 2004 gemeinnützig war und seit dem Verkauf an einen US-Hedgefonds von Luxemburg aus gesteuert wird. Insgesamt gehören der Gagfah etwa 145.000 Wohnungen. Ehemalige Führungskräfte bestätigten damals, dass der Konzern absichtlich kaum investiere, um hohe Dividenden an die Aktionäre zu zahlen. Für ihre Berichterstattung wurden die Abendblatt-Reporter Lars Marten Nagel und Volker ter Haseborg 2011 mit dem renommierten Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus ausgezeichnet. (mt)
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