Umstrittene Gräber erforschen

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Rene Senenko, für die Willi-Bredel-Gesellschaft am Runden Tisch, zeigt die neuen Info-Blätter Fotos: Biehl
 
Der Historiker Lars Skowronski untersucht das Gräberfeld

Historiker untersucht „Soldatengräber“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof

Von Bert C. Biehl
Ohlsdorf. Im Rahmen eines Projektes arbeitet derzeit ein Historiker eine unangenehme Altlast wissenschaftlich auf: die gemeinsame Bestattung von Nazi-Opfern und -Tätern auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Sie liegen dort seit Kriegsende unter dem Rubrum „Deutsche Soldatengräber“, allerdings ohne dass dies den Besuchern der Anlage bisher in irgendeiner Weise erklärt wurde.
Dieser Zustand wurde von Geschichtsforschern, aber vor allem auch von Opferverbänden wie dem Deutschen Auschwitz-Komitee seit vielen Jahren beklagt, ohne dass sich daran etwas geändert hätte. Erst nach einem Bericht des Wochenblattes Anfang vergangenen Jahres gründete sich ein Runder Tisch, der Strategien zur Aufarbeitung entwickeln soll.

Info-Blatt erstellt

Als sichtbares erstes Ergebnis wurde ein Faltblatt erstellt, das sich Besucher mittlerweile zwischen den Grabfeldern Ecke Mittelallee und Linnestraße aus einer Info-Box ziehen können. Und während der vergangenen Wochen hat der Hallenser Historiker Lars Skowronski damit begonnen, alle noch verfügbaren Archivalien zu sichten, um die kritisierte „Gemengelage“ aufzuklären. „In der ersten Phase geht es um die Recherche zur Geschichte des Gräberfeldes und um die Frage, wer dort außer den Soldaten noch bestattet ist“, erläuterte der Wissenschaftler. Am Ende will er eine Beschriftung des Gräberfeldes vorschlagen, die den Tatsachen entspricht. Und er will jedem Grabstein einen Namen zugeordnet haben. Bekannt ist bereits jetzt, dass zwischen den Soldaten auch jüdische sowjetische Kriegsgefangene, von der Nazi-Justiz zum Tode verurteilte Deserteure und Kinder von Zwangsarbeiterinnen liegen.
In einer zweiten Phase will Skowronski der Frage nachgehen, wie der Bestattete umgekommen ist. Dabei könnte noch manch bittere Wahrheit ans Licht kommen. Denn schon lange vermuten Historiker zum Beispiel,dass die Neugeborenen von Zwangsarbeiterinnen aus dem Langenhorner Kettenwerk im Krankenhaus Ochsenzoll umgebracht und in Ohlsdorf verscharrt wurden. Ursprünglich waren es wohl an die 150 Säuglinge, deren eigenes Gräberfeld aber in den 50er-Jahren aufgelöst worden war. Nur acht sind übrig geblieben.

Bundesgesetz

Das neue Faltblatt gibt übrigens einen Hinweis darauf, wie es überhaupt zu diesem „Durcheinander“ von Bestatteten kommen konnte. Ein Hintergrund ist das Bundes-Gräbergesetz von 1952. Es stellte die Ruhestätten der „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ unter Schutz. Die Unschärfe dieses Begriffes ist politisch prekär – so konnten sich auch Soldaten und SS-Leute als Opfer fühlen. Das Gesetz habe Sammel-Grabanlagen wie die in Ohlsdorf begünstigt, sei aber aus heutiger Sicht „unverständlich“, besagt das Blatt.
Die „Initiative Umgang mit den Weltkriegsgräbern“ steht unter Federführung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VB) – er hatte die Gräberfelder Anlage in den 50er-Jahren gestalten lassen. Mit am Tisch sitzen die Friedhofsverwaltung, die Landeszentrale für Politische Bildung (LZPB) sowie Vertreter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, der Geschichtswerkstatt Willi-Bredel-Gesellschaft und des Opferverbandes Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten (VVN-BdA).
Für die erste Phase, die bis zum kommenden Frühjahr dauert, wurden 9.000 Euro aus dem Etat der Schulbehörde bewilligt, die die Aufsicht über die LZPB hat. „Wir glauben, dass das Projekt nicht schon nach einem Jahr durchgeforscht ist“, sagt Volksbund-Sprecherin Nele Maya Fahnenbruck. Deshalb werde versucht, einen Nachschlag einzuwerben – oder alternativ das Projekt an die Universität anzubinden.
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