Und keiner wollte der Erste sein

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Im Schatten einer Buche steht der Stein, der an die ersten Bestattungen 1877 erinnert. Errichtet wurde er, als der Friedhof 1900 bei der Weltausstellung in Paris eine Goldmedaille erhielt. Foto: Krause
 
Der Ohlsdorfer Friedhof: Eine Oase der Stille mitten in der Großstadt. Foto: Bernardo Peters-Velasquez/pixelio.de

Vor 135 Jahren wurde der Friedhof Ohlsdorf eröffnet

Ohlsdorf. Kann man sich heute über Sinn oder Unsinn der Elbphilharmonie streiten, so war ‚Ohlsdorf‘ ein städteplanerisches ‚Muss‘. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es innerhalb und außerhalb der umwallten Stadt 21 verschiedene Begräbnisplätze. Man lag dort, wo man gewohnt hatte. Auch wenn es heißt, der Tod macht alles gleich, so stimmt dieser Satz damals wie heute nicht. Denn in der Art der Bestattung und besonders in der Lage des Grabes zeigt ‚man’, wer man war und wohin man gehört. Man lag sozusagen in der ersten Reihe, wenn es sich die Familie leisten konnte, unter den Kirchenfußböden in Grüften ein Plätzchen zu bekommen. Das war kein billiges Vergnügen. In der zweiten Reihe lag man auf den Kirchhöfen um die Kirchen. Später, als Bestattungen in der Stadt zunehmend problematisch wurden, untersagte die französische Besatzung am 1. Januar 1813 generell das ‚Ruhen‘ in der Stadt. Nur richteten die Kirchgemeinden vor dem Dammtor (für St. Katherinen, St. Michaelis, St. Petri, St. Johanniskloster und St. Nicolai) sowie vor dem Steintor (St. Jakobi) neue Begräbnisplätze ein. Auch hier wurde eisern an Klassenunterschieden festgehalten. Die einen hatten eine Gruft mit zugehöriger Kapelle – die anderen lagen in der allgemeinen Grube.
Hamburg – wachsende Stadt, das galt auch schon 1854. In diesem Jahr beschäftigte sich der Senat erstmalig mit Plänen, einen kommunalen Friedhof anzulegen. 1864 wurde erneut geplant. Neun Jahre später nahm die ‚Commission zur Verlegung der Begräbnisplätze‘ ihre Arbeit auf. Es galt, ein für den Zweck geeignetes, ausreichend großes Gelände mit Erweiterungsmöglichkeiten zu finden. Kosten sollte es natürlich auch nicht zu viel. Bezahlt hat man dann lediglich 45 Pfennige je Quadratmeter Land. Preiswert sollten auch die gestalterischen Maßnahmen wie Trockenlegung, Wegebau und Bepflanzung sein. Und, das war wichtig, der Friedhof sollte besonders für die finanzstarken Mitbürger attraktiv sein, denn die Bestattungskosten für die Armen hatte und hat – kein Unterschied zum Jahr 2012 – ohnehin der Staat zu tragen. Die Kirchengemeinden sahen den kommunalen Friedhof nicht gern. Sie fürchten um ihre Einnahmen. Dennoch setzte der Senat seinen Plan auf Basis einer Kostenplanung von Wilhelm Cordes, der später der erste Friedhofsdirektor wurde, um. Cordes hatte für den ersten Bauabschnitt 1.290.000 Mark Kosten veranschlagt. Vor 135 Jahren, am 1. Juli 1877, kam es zur denkwürdigen ersten Bestattungen: Eva Maria Stülken, 38 Jahre alt und zwei Männer, alle drei im Krankenhaus St. Georg gestorben, machten den Anfang. An dieses Ereignis erinnert ein großer Findling, direkt gegenüber dem Eingang von Kapelle 1 (U 9/10), nur einige Schritte von der Straße entfernt. Es waren Armenbegräbnisse, bei denen aber erstmalig jeder Verstorbene sein eigenes Grab hatte. Doch die Gäste, die für die Kostendeckung des Friedhofs nötig waren, wollten nicht so recht. Keine Person ‚von Stand‘ wollte der Erste dort sein. ‚Man’ zog die kirchlichen Friedhöfe am Dammtor vor. Das blieb bis 1879 so. Dann platzte dem Senat der Kragen. Per Verfügung wurde auf den Begräbnisplätzen vor dem Dammtor das ‚Allgemeine Grab’ geschlossen. Von da an ging’s mit Ohlsdorf bergauf. Die ebenfalls ‚wachsende Stadt’ der Toten entwickelte sich von acht auf heute 400 Hektar. Dank der genialen und weit blickenden Gestaltung durch Wilhelm Cordes wurde der Friedhof Ohlsdorf zu Hamburgs größter Grünanlage und zu einer Oase der Stille im Trubel der Stadt. Der Friedhof lädt ein, seine Gräber, stillen Wege und lauschigen Bänke zu besuchen. Mit ‚Ohlsdorf‘ hat Hamburg ein einzigartiges Kleinod, das immer mehr Besucher anzieht. Ob das zum 135. Geburtstag der Elbphilharmonie auch geschrieben werden wird? (fjk)

Sonntag, 1. Juli, 18 Uhr, Sonderführung anlässlich des 135. Jahrestages der Friedhofs-eröffnung. Einer der Schwerpunkte wird das Rosarium mit seiner vielfältigen Blütenpracht sein. Kostenbeitrag von 4 Euro erbeten; Kinder und Jugendliche sind frei. Treffpunkt hinter dem Verwaltungsgebäude, Fuhlsbüttler Straße 756
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1 Kommentar
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Marc Behncke aus Bramfeld | 21.06.2012 | 20:38  
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