Zapfenstreich im Spinnrad

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Das Foto zeigt das Gasthaus „Zur Harmonie“ im Jahr 1928. Bald wird das historische Gebäude abgerissen. Foto: Langenhorn-Archiv
 
Das Gebäudeensemble heute. Im Anbau (linker Bildrand) war über 60 Jahre lang Langenhorns erstes Kino untergebracht. Foto: Biehl

Langenhorns ältestes Gasthaus wird abgerissen

Von Bert C. Biehl
Langenhorn. Einmal noch den Zapfhahn kippen. Das feine Zischen hören, mit dem das Bier in den Krug strömt. Den Schaum beobachten, wie er langsam im Glas emporsteigt. Den Freunden zuprosten. Dann ein letztes Mal das Licht abschalten und die Eingangstür zusperren. Dieser Augenblick steht Kurt Bartsch bevor. Doch er wird bald kommen. Langenhorns ältestes noch stehendes Gasthaus schließt für immer. In Kürze wird das historische Gebäude abgerissen, wird hier wohl ein Wohnblock errichtet. „Ich bin froh, dass ich das nicht mit ansehen muss“, sagt Bartsch, letzter Gastwirt vom „Spinnrad“, „es würde mir das Herz zerreißen.“
Die Keimzelle Langenhorns, Ecke Tangstedter Landstraße und Langenhorner Chaussee. An dieser strategisch günstigen Stelle steht das alte Haus mit der Gaststätte „Spinnrad“, die früher mal „Gasthof Zur Harmonie“ hieß. Wann es errichtet wurde, lässt sich nicht feststellen. Aber eine Schänke an diesem Ort kommt bereits in einer Anekdote aus dem Jahr 1846 vor, die der Langenhorner Heimatforscher Karl Schlüter rund 86 Jahre später in seinem Buch kolportierte: Damals nannten es die Einwohner offenbar „Dat Eckschapp“.
Das war lange bevor Kurt Bartsch hierher kam. Er hatte die Gaststätte 1972 nach dem Tod seines Vaters übernommen und gemeinsam mit seiner ersten Frau Ursula ausgebaut.
„Wir haben viel Liebe hier ‘reingesteckt“, erinnert sich der 70-Jährige. Auf historischen Fotos kann man noch die Aufschrift „Wilhelm Gundlachs Gasthof, Inh. Richard Wells“ lesen. „Den alten Wells habe ich noch gekannt“, erinnert sich Bartsch. Von ihm hatten seine Eltern die „Harmonie“ Anfang der 60er-Jahre zunächst gepachtet, später gekauft.
Viele Jahrzehnte lang war die „Harmonie“ ein bekanntes Ausflugs- und Tanzlokal gewesen. Aber die Besitzer waren stets auf der Höhe der Zeit. Bereits 1921 wurde der Tanzsaal vom Haupthaus abgetrennt und etwas spektakulär Modernes eingerichtet: Langenhorns erstes Kino, mit 207 Sitzplätzen und einer Empore für ein kleines Orchester, das die Stummfilme begleitete. Mal hieß das Kino „Astoria“, mal „Apollo“, später auch – als Raucherkino – „Smoky“ und zuletzt „Airport“. Unterschiedliche Betreiberfamilien wie Focht, Hüppop oder Petersen mussten sich nicht nur gegen die zunehmende Konkurrenz im Dorf behaupten – Langenhorn hatte zeitweise vier Kinos. Auch die steigende Verbreitung des Fernsehens machte dem Gewerbe zu schaffen. 1985 ging im „Airport“ endgültig das Licht aus. Danach zog ein Kampfsport-Studio in den Saal ein – doch auch das ist schon seit ein paar Jahren raus.
Das Gasthaus hielt immer durch. „Wir haben davon profitiert, dass hier im Umfeld des Flughafens so viele Hotels ansässig sind“, sagt Kurt Bartsch. Er kann sich an Prominente erinnern, die sich auf der schnellen Durchreise seine gutbürgerliche Küche haben munden lassen. Die Entertainerin Caterina Valente sei mal hier gewesen, Schauspieler Joachim Hansen („Stern von Afrika“) oder auch Uwe Seeler. Als letzter habe der aus dem TV bekannte „XXL-Ostfriese“, der 2,07 Meter große Pferde-Chiropraktiker Tamme Hanken, seine 160 Kilo auf die Sitzbank gewuchtet, erinnert sich der Gastronom.
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eine Frau braucht ihn

Vielleicht hätte das Haus noch ein paar Jahre bestanden. Doch ein Schicksalsschlag zwang Bartsch schon vor Jahren, kürzer zu treten: 2008 wurde seine zweite Frau Heidi schwer krank. Die geliebten Reisen mit dem Wohnmobil quer durch Europa, die Tauch-Ferien in Ägypten, das gemeinsame Hobby Karate – alles war plötzlich passé. „Ich höre auch auf, um mehr für sie da zu sein“, sagt der Senior. „Am liebsten hätte ich alles einem Nachfolger übergeben“, sinniert Bartsch. Daraus wurde nichts. Im vergangenen Oktober meldete er das Gewerbe ab.
Bis Ende Januar muss er den Laden geräumt haben. Aber Bartsch will nicht einfach so verschwinden. Es soll noch eine Abschiedsfeier für seine engsten Kumpel und Stammgäste geben. Erst dann ist Schluss. Endgültig. Er bleibt in Langenhorn, aber auf einer anderen Ecke: „Dann muss ich hier nicht dauernd dran vorbeifahren, wenn der Abrissbagger kommt“, sinniert er wehmütig. Ein Barmbeker Makler hat das Grundstück gekauft, wird hier wohl Wohnungen errichten.
Einst waren sie hier alle zu Gast im 70 Personen fassenden Clubraum: die alteingesessenen Langenhorner Familien, der Langenhorner Gesangverein von 1866, die Taubenzüchter und viele andere. „Der Abschied tut mir in der Seele weh“, sagt Kurt Bartsch, „hier geht auch ein Stück Langenhorner Geschichte flöten.“ (bcb)
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