Das Grundgesetz ernst nehmen

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Nora Kriese (73) und Karin Reinecke (71) arbeiten ehrenamtlich für den Hamburger Fürsorgeverein.

Zwei Langenhornerinnen arbeiten für den HFV

Von Franz-Josef Krause
Langenhorn. Mit ‚HSV‘ können nicht nur in Hamburg viele etwas anfangen. Mit ‚HFV‘ selbst in der Hansestadt nur wenige. Mit dem, was der ‚Hamburger Fürsorgeverein von 1946‘ tut, haben sogar etliche Menschen ein Problem. „Nicht jeder in unseren Familien- und Freundeskreisen kann verstehen, warum wir ausgerechnet beim HFV mitarbeiten“, berichten Nora Kriese und Karin Reinecke im Gespräch mit dem WochenBlatt übereinstimmend „dabei tun wir doch nichts anderes, als den Artikel 1 des Grundgesetzes ernst zu nehmen.“ „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das Paradoxe der Arbeit des Vereins scheint es zu sein, dass er sich auch um die sorgt, die häufig genug gerade diesen Kernsatz missachtet haben – die mit ihrem Handeln die Würde, körperliche und materielle Unversehrtheit ihrer Mitbürger aufs Schlimmste verletzt haben. Denn der ‚Hamburger Fürsorgeverein‘ „sorgt sich“ gleichermaßen um Strafgefangene wie um deren Angehörige. Angefangen hatte es für die beiden Frauen mit der AKTIVOLI-Freiwilligenbörse im Jahr 2006. Podologin Nora Kriese und Karin Reinecke als ehemalige Krankenschwester schauten sich dort nach einer Aufgabe für den Ruhestand um. Das Angebot des HFV weckte ihre Aufmerksamkeit. Über vier Monate wurden sie intensiv auf die Arbeit vorbereitet und auch heute noch steht Weiterbildung regelmäßig auf dem Programm. Die Frauen sind in beide Aufgabenfelder eingebunden. Sie besuchen Gefangene in der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel und unterstützen Selbsthilfegruppen der Angehörigen. „Die Familien leiden fast immer mit darunter, wenn der Vater, Bruder oder Sohn straffällig geworden ist. Besonders die Kinder werden stigmatisiert, wenn nicht gegengesteuert wird. Oft wird ignoriert, dass sie wirklich nicht für das Handeln eines Familienmitglieds verantwortlich sind“ sagt Nora Kriese. Karin Reinecke ergänzt: „Wenn wir uns für die Familien der Strafgefangenen engagieren, dann machen wir das, was eigentlich Aufgabe des Staates sein sollte. Wenn ich Menschen in dieser schweren Lebenssituation helfen kann, dann ist das weit mehr als ein Zeitvertreib für Senioren.“ Und der Umgang mit den Strafgefangenen – wie gestaltet sich der? Natürlich ist den Frauen klar, dass die Insassen von Santa Fu nicht grundlos einsitzen, dass sie Anderen oft schwerstes Leid zugefügt haben. „Dennoch sind sie Menschen für uns, für die der Artikel 1 unseres Grundgesetzes in gleicher Weise wie für andere Bürger gilt. Wir sehen unsere Aufgabe darin, ein wenig Normalität in den Alltag ‚hinter Mauern‘ zu bringen“, sagt Nora Kriese „wenn uns das gelingt, dann ist das auch ein Beitrag zur Prävention, die letztlich allen Bürgern dient.“ Oft sind die Besuche der Damen vom HFV einer der wenigen Außenkontakte der Häftlinge.
Und welches Resümee ergibt sich für beide Frauen? Grundvoraussetzung für die Aufgabe sei absolute Verschwiegenheit. „Wenn sich dann ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, erleben wir die Gefangenen als dankbar, höflich und freundlich. Wir können die Einsamkeit in der Haft nicht verdrängen und das Fehlen normaler Familienkontakte nicht ausgleichen. Aber wir setzen ein Zeichen – auch Deine Würde ist unantastbar.“ Das macht die Arbeit des HFV so wichtig.
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