Hamburg: Der Herr des Frühlings

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Jens Iska-Holtz fungiert seit 30 Jahren ehrenamtlich als Hamburger Forsythienschreiber und beobachtet täglich den Blütenstatus einiger Sträucher an der LombardsbrückeFoto: Blume

Ein Hohenfelder führt den legendären Forsythienkalender

Von Claudia Blume
Hamburg. Ohne Jens Iska-Holtz gäbe es keinen Frühling in Hamburg. Jedenfalls nicht offiziell, denn der gut gelaunte Herr hat eine äußerst wichtige Funktion inne, ehrenamtlich versteht sich: Er ist Chronist des einzigartigen Hamburger Forsythienkalenders. Täglich, mitunter auch mehrfach, besucht der 74-jährige ganz besondere Exemplare der leuchtend gelb blühenden Gehölzart – die Forsythienbüsche an der Lombardsbrücke/Ecke Esplanade. Penibel wird mit Bleistift im grünen DIN A6-großen Tagebuch vermerkt, wie der Stand der Blütenentwicklung ist.

Zweige müssen an drei Stellen blühen

Sind an drei Stellen jeweils zwei Zweige wie an einer Perlenschnur aufgeblüht, ist der Frühling in Hamburg angekommen. In diesem Jahr war es am 9. März soweit, das Startzeichen zum Sonnenbrille suchen, Eis essen und Latte Macchiato im Straßencafé genießen.
Die bereits 70-jährige Tradition des Forsythienkalenders geht auf ein Erlebnis des Hamburgers Carl Wendorf zurück. Es war der 27. März 1945, als der junge Obergefreite zwischen Kriegstrümmern an der Lombardsbrücke strahlend gelbe Forsythien entdeckte – die ersten Frühlingsgrüße vor dem ersehnten Frieden. Das Symbol berührte ihn so sehr, dass er fortan jedes Jahr zu „seinen“ Forsythien ging und den Tag notierte, an dem „immer noch Frieden herrscht und der Frühling in Hamburg eingezogen ist.“
Seit 1984 führt Jens Iska-Holtz Buch über die Blühwilligkeit der jahreszeitlichen Signalpflanze; seit 1994 sogar als phänologischer Beobachter für den Deutschen Wetterdienst, der die Aufzeichnungen als wissenschaftlich fundierte Messreihe anerkennt und auch Rekorde vermerkt. So gilt der 15. Februar 2002 als bisher frühester und der 25. April 1970 als spätester Aufblühtermin. Damit es den Sträuchern gut geht, kümmert sich der Hohenfelder um die Pflanzenpracht im Niemandsland. „Weder die Stadt noch die Deutsche Bahn wollen für die 50 Quadratmeter große blühende Ecke verantwortlich sein, also sammle ich mit Freunden dort regelmäßig Müll“, sagt der Naturfreund. „Vom Gartenbauamt habe ich sogar eine Genehmigung erhalten, unter der Unterführung parken zu dürfen. Die sind wohl froh, dass sie sich nicht kümmern müssen“, unkt Jens Iska-Holtz. Dass die botanische Hamburgensie trotzdem einen hohen Stellenwert hat, verdeutlicht der Umgang mit den Forsythien anlässlich der Brückensanierung vor einigen Jahren: Die Büsche wurden sorgfältig ausgegraben, verbrachten ihren „Urlaub“ in einem Gartenbaubetrieb in Mecklenburg-Vorpommern und kamen anschließend an ihren alten Platz zurück.

Ein Nachfolger wird gesucht

Nach zwei bis vier Wochen Blütenexplosion ist bei den wilden Ziersträuchern Schluss mit der Farbenpracht und der Sommer nicht mehr weit. Für Jens Iska-Holtz beginnt dann die ruhigere Zeit, in der versuchen wird, einen Nachfolger für das Amt des Forsythienschreibers zu finden. „Vielleicht jemand, der in einem der umliegenden Gebäude arbeitet“, hofft der Senior, der dem Neuling viele Jahre zur Seite stehen würde, wie früher Carl Wendorf ihm. Denn einer muss auch in Zukunft die botanischen Boten im Blick haben, damit es in Hamburg offiziell Frühling werden kann.
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