Die einzige Kinderarztpraxis in Horn

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Dr. Schirmer ist mit seiner Praxis in Horn allein. Er wünscht sich eine bessere Versorgung für die Familien im Stadtteil
 
Anna Schuld und Tochter Jana kommen aus Jenfeld zu Dr. Schirmer, weil schon die Hebamme die Praxis empfohlen hatte
Hamburg: Kinderarzt Schirmer |

Engpass bei der Versorgung: Montags stehen schon mal 50 Eltern vor der Tür Schlange

Von Karen Grell

Horn Im Stadtteil Horn, in dem viele Großfamilien leben, gibt es nur eine einzige Kinderarztpraxis. Zu wenig für über 100.000 Bewohner, meinen die Familien, die im Stadtteil leben und jetzt auch die Politik auffordern, sich zu engagieren. Karl Robert Schirmer und Stephan Schoof sind zurzeit die einzigen Kinderärzte, die hier allein den Andrang der vielen Anfragen bewältigen müssen. Keine einfache Aufgabe, denn gerade in der Infekt-Zeit sei die Lage oft kaum überschaubar. „Montags stehen dann schon mal bis zu fünfzig wartende Familien vor der Tür“. Vorsorgeuntersuchungen, Prävention und Beratung, seien Aufgaben, die Kinderärzte betreffen und die für Familien unbedingt notwendig seien.

Gerade im Bereich Hamburg Mitte ist es in den vergangenen Jahren zu Todesfällen bei Kindern gekommen und Misshandlungsdelikte konnten durch fehlende Anlaufstellen nicht rechtzeitig diagnostiziert werden. Wie sich die Situation für Horn verbessern könnte, wissen die beiden Ärzte aus der Gemeinschaftspraxis auch nicht, denn jeder, der hier eine neue Praxis eröffnen möchte, müsse zunächst eine ganze Menge investieren. Doktor Schirmer vermutet, dass viele vor dem Schritt in die Selbstständigkeit zurückschrecken.

Anne Schuld kommt mit ihrer Tochter Jana sogar ganz aus Jenfeld zum Kinderarzt nach Horn, „weil mir die Hebamme gerade diese Praxis besonders empfohlen hatte“. Die langen Wartezeiten hält sie jedoch für viele Familien für unzumutbar. Da die
junge Mutter schon seit der Geburt ihrer Tochter hier nach Horn in die Sprechstunde kommt, kann sie bleiben, ansonsten ist bei den beiden Kinderärzten Aufnahmestopp und nur Familien mit Neugeborenen können noch berücksichtigt werden.
„Der Weg in andere Stadtteile ist für Familien mit Säuglingen nicht zumutbar“, so Schirmer, der allerdings immer noch hofft, dass sich die Lage in der nächsten Zeit verbessern wird und sich noch ein weiterer Kinderarzt im Stadtteil ansiedelt.

Diverse kommunale Politiker und soziale Träger haben in den vergangenen Jahren zumindest versucht, den Kinderschutz im Bezirk zu verbessern: Dazu gehören eine ausreichende Zahl von Mitarbeitern im Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes, soziale Agenturen vor Ort, die beraten und zum Kinderschutz beitragen und die neu geschaffene Ombudsstelle im Bereich Mitte. Die schwindende Zahl an Kinderarztpraxen sorgt aber auch weiterhin für Kopfzerbrechen.

Interview mit Dr. Schirmer


WB: Dr. Schirmer, seit wann sind sie hier in Horn als Kinderarzt tätig und wie war die Situation in diesem Zeitraum?

Schirmer: Ich bin hier seit zwanzig Jahren tätig und in den ganzen Jahren hat es eigentlich genau dieselbe Situation gegeben. Wir sind hier die einzige Praxis und arbeiten oft zehn bis zwölf Stunden, um allen Familien gerecht werden zu können. Das ist eine sehr anstrengende Aufgabe. Gerade am Montag, wenn die Eltern am Wochenende in die Notfallpraxis mussten, kommen die Familien mit ihren Kindern vorbei und dann sehen wir schon von Weitem die Schlange, die vor der Tür wartet.

WB: Woran liegt es ihrer Meinung nach, dass keine weitere Kinderarztpraxis hier eröffnet?

Schirmer: Junge Ärzte, die ihr Studium beendet haben, müssten erst einmal investieren, um eine eigene Praxis zu eröffnen. Davor schrecken viele zurück. Man muss ja zunächst eine ganze Menge Geld investieren. Bis zu dreißig Prozent der Absolventen gehen heute auch in ganz andere
Berufe im medizinischen Bereich, andere in die Kliniken. Der letzte Schritt ist dann erst die eigene Praxis. Das ist eigentlich sehr schade, denn der Kontakt zu den Familien ist ganz besonders schön.

WB: Was macht den Beruf für Sie dann doch immer wieder so attraktiv?

Schirmer: Ich kenne die Familien hier oft über mehrere Generationen. Kinder, die zu mir als Babies gekommen sind, bringen mir dann auch ihre eigenen Kinder, das ist ein Gefühl des Vertrauens, wie es bei einem Hausarzt üblich ist. Die Kinder kommen bis zum 18. Lebensjahr, oft aber auch darüber hinaus, wenn sie Fragen haben. Für die Familien bin ich Ansprechpartner für Fragen rund um die Gesundheit, aber auch in den Bereichen Erziehung und bei anderen Problemen. Der Beratungsbedarf ist bei den Familien, gerade auch bei jungen Eltern, die mit ihrem ersten Kind kommen, sehr hoch.

WB: Was ist die größte Herausforderung für Sie als Kinderarzt?

Schirmer: Mein größter Respekt liegt darin, jeden Patienten genau anzusehen, auch dann, wenn er nach einem zehn Stunden Tag der letzte ist, der in meine Sprechstunde kommt. Man darf nichts übersehen. Dann ist es mir besonders wichtig, die Kinder wieder weg von den Handys in die Sportvereine zu bekommen. Wenn die Eltern ihr Kind hier bei uns zum ersten Mal vorstellen, dann versuche ich gleich, sie zu einem Sport für ihre Kinder zu animieren. Der Medienkonsum und das Fast Food haben die Kinder unbeweglicher gemacht und das birgt natürlich auf längere Sicht auch neue Krankheitsbilder.

WB: Was würden Sie sich für die medizinische Versorgung für Familien in Horn wünschen?

Schirmer: Schön wäre einfach, wenn es noch eine weitere Kinderarztpraxis geben würde, damit die Familien hier im Stadtteil bleiben können und nicht weite Wege in Kauf nehmen müssen. Zurzeit können wir hier nur Neugeborene annehmen, weil den Familien nicht zuzumuten ist, mit dem Bus durch die halbe Stadt zu fahren. Wer allerdings neu hier herzieht und einen Kinderarzt sucht, den müssen wir schweren Herzens abweisen. Das ist eine Lage, die wir gern verändert sehen würden.
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