Das Alien der Branche

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Rieke Weykopfs Arbeitsplatz ist der Archivtisch Foto: Hannes Rascher
 
Für ihre Forschung recherchiert sie in alten Dokumenten Foto: Hannes Rascher

Rieke Weykopf ist selbstständige Ahnenforscherin in Hamburg

Von Mathias Sichting
Hamburg
Wenn Rieke Weykopf gefragt wird, was sie beruflich macht, erntet sie nach der Antwort fragende Blicke. Auch ein erstauntes „Huch“ hat sie schon erlebt. Die 36-Jährige ist selbstständige Familien- und Ahnenforscherin. Auf der Suche nach Geburtsurkunden und Heiratseinträgen in Standesamtsregistern- und Kirchenbüchern wühlt sich Rieke Weykopf bundesweit durch die Archive. Immer auf der Suche nach Identitäten. Ihr Motto: Zukunft braucht Herkunft.
Bereits als Jugendliche hat sie das Thema Herkunft interessiert. „Ich habe ständig meinen Opa gelöchert und gesagt: erzähl mal von früher, wie war das denn“, so die zweifache Mutter. Ihr Start ins Berufsleben verlief jedoch über einen Umweg. Sie machte nach der Schule auf Norderney eine Ausbildung zur Buchhändlerin. An der Uni Hagen hängte sie ein Fernstudium der Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Geschichte dran.

Neun Berufsgenealogen in der Stadt


„Eigentlich wollte ich immer ins Verlagswesen, um Lektorin für Kinderbücher zu werden. Nach einem Volontariat landete ich jedoch in einer Online-Redaktion. Bereits nach sieben Monaten wusste ich, dass das nichts für mich ist“, weiß sie heute. Auf den letzten Metern des Studiums entdeckte sie die Liebe zu den menschlichen Einzelschicksalen. Zeitgleich 2011 stolperte Rieke Weykopf über eine Stellenanzeige eines Ahnenforschungsbüros in Hamburg, bewarb sich und arbeitete dort 2,5 Jahre lang. In dieser Zeit lernte sie den Beruf von der Pike auf und machte sich selbstständig.
Neun Berufsgenealogen gibt es aktuell in der Hansestadt. „Lange war das eine absolute Männerdomäne. Die meisten Ahnenforscher machen das nebenberuflich. Ich bin da eher das Alien in der Branche“, sagt Rieke Weykopf lächelnd. „Der Beruf hat einen leichten Anstrich von Altherrenhobby. Die meisten Kollegen sind jenseits der 60 Jahre. Als ich mich 2014 selbstständig gemacht habe, war das anfangs etwas schwierig. Ich wurde im Archiv immer etwas belächelt. Mittlerweile hat sich das gewandelt. Die wissen inzwischen, dass das mein täglich Brot ist. Jetzt stehen die älteren Herren auch mal bei mir am Tisch und fragen mich, ob ich auf ihre Fälle einen Blick werfen kann.“

Forschung stiftet Identität


Warum ist es wichtig etwas über die Vergangenheit zu wissen? Für Rieke Weykopf ist die Ahnenforschung identitätsstiftend. Wenn man herausfindet, was die Vorfahren gemacht haben, kann man oftmals Familienbegebenheiten besser einordnen. „Das macht etwas mit einem, wenn man Dinge über die eigenen Vorfahren erfährt. Meine Arbeit erfordert von daher auch psychologisches Fingerspitzengefühl. Bei manchen Kunden und Forschungen muss ich vorsichtig sein und kann nicht einfach alles auf einmal auf den Tisch packen.“ Für Rieke Weykopf ist das Menschelnde an den Geschichten besonders reizvoll. Völlig unbekannte Personen bekommen ein Gesicht. Sie arbeitet mit historischen Akten, taucht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Alle Fakten müssen belegbar sein.
Immer mehr jüngere Kunden
„Mit Anfang 30, wenn man eine Familie gründet und Kinder bekommt, fangen die Ersten an nachzuforschen, wer eigentlich der Großvater oder die Großmutter war und was die eigentlich gemacht haben“, weiß die Wahl-Hamburgerin, die in Sulingen (Niedersachsen) geboren wurde. Oft verschenken die Kinder die hochwertig angefertigten und in Leder gebundenen Forschungsergebnisse zu einem runden Geburtstag und bringen so Licht in die Familienhistorie. „Ahnenforschung sammelt in Ahnentafeln Lebensdaten wie Geburt, Heirat, Tod, Anzahl der Kinder, eventuell Scheidungen.“ Rieke Weykopfs Arbeit geht noch über diese harten Fakte hinaus. Sie schaut hinter diese Ereignisse, sucht nach dem Warum, um ein vollständiges Bild zu erzeugen und schwarze Flecken in der Familienhistorie ihrer Klienten zu beleuchten.
In Deutschland hatte es die Ahnenforschung lange schwer. Durch den zweiten Weltkrieg war sie negativ besetzt. Jetzt will die Enkelgeneration verstärkt wissen, was die Großeltern gemacht haben. Die Forschung ist in Bewegung. Dazu trägt auch die Digitalisierung bei. Archive stellen ihre Inhalte ins Netz. Potenzielle Kunden von Rieke Weykopf können von Übersee aus selbst Forschungen beginnen. Irgendwann sind die Möglichkeiten des Internets aber erschöpft und weitere Ergebnisse findet man eben nur noch vor Ort, im Archiv. Dann kommt wieder die Wahl-Hamburgerin ins Spiel. „Es gibt entweder ein ganz konkretes Forschungsziel wie „ich suche meine Halbschwester Hilde“, oder die Kunden sagen ganz allgemein „mich interessiert die mütterliche Linie meiner Familie“. Ich fange immer da an zu forschen, wo die urkundliche belegte Datengeschichte meines Kunden aufhört.“

Internationale Kunden


Die gelebte Geschichte schreibt immer wieder die schönsten Anekdoten ihrer Arbeit. Emotional wird es, wenn Rieke Weykopf Menschen zusammenbringen kann. Das ist ihr schon des Öfteren gelungen. Zuletzt forschte sie anderthalb Jahre für eine Tochter, die die Herkunft ihrer 88-jährigen Mutter klären wollte. Diese wurde mit zwei Jahren in Hamburg adoptiert. Während der Recherche kam heraus, dass es tatsächlich noch lebende Verwandte in Hamburg gibt. „Am Ende konnte ich die Familie zusammenführen. Es gab tatsächlich noch 77- und 84-jährige Halbgeschwister hier in Hamburg. Als ich die Forschungsergebnisse präsentiert habe, war das ein Gänsehautmoment: wir haben alle vor Freude Rotz und Wasser geheult. Das sind Herzensfälle, in denen ich merke, dass das genau der richtige Job für mich ist“, sagt Rieke Weykopf.
Ihr Kundenstamm kommt aus den USA, Australien, Israel, Polen, Russland, Norwegen, England und Deutschland. Sie alle haben einen Antrieb: den Wunsch nach der Aufklärung ihrer Familiengeschichte, denn Zukunft braucht Herkunft.

Weitere Infos und Kontakt: ChronoVoyage, Telefon 040/333 511 67, E-Mail: r.weykopf@chronovoyage.de
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