Ein Stück Historie an der Wand

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Das Wandbild von Hildgund Schuster erinnert an die Sülzeunruhen von 1919. Foto: Verbraucherzentrale Hamburg (Foto: Foto: Verbraucherzentrale Hamburg)
Neues Bild zu Hamburger „Sülze-Unruhen“ von 1919 an der Fassade der Verbraucherzentrale


St. Georg. An der Fassade der Verbraucherzentrale an der Ecke Ernst-Merck-Straße / Kirchenallee, Richtung Lange Reihe, prangt jetzt ein Gemälde: Vebraucher, die auf die Straße gehen und sich gegen vermeintliche Panschereien wehren, sind darauf zu sehen. Die Menschenmenge, die am 23. Juni 1919 fast den Fleischfabrikanten Jakob Heil gelyncht hätte, weil sie in seiner Fabrik in der Kleinen Reichenstaße Tierkadaver und übelriechende Flüssigkeiten entdeckt hatte, aus denen Heil offenbar Sülze herstellte. Diese Ereignisse gingen als Sülzeunruhen in die Geschichte ein.

"Grundlagen für Verbraucherschutz gelegt"

„Wir sind sehr froh, dass wir dieses Bild bekommen haben. Es zeigt, dass es manchmal gut ist, dass Verbraucher auf die Barrikaden gehen. Damals wurden wichtige Grundlagen für den Verbraucherschutz gelegt“, erläutert Ernährungsberaterin Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale.

Fabrikant am Pranger

In der angespannten, von revolutionären Unruhen, Armut und Hunger nach Ende des Ersten Weltkriegs gekennzeichneten Situation im Juni 1919 bedurfte es allerdings nicht viel, um Menschen an den Pranger zu stellen. Die Wut auf „Schieber“ und Gewinnler der Unruhen, auf vermeintlich oder tatsächlich unfähige Politiker und Beamte, die die allgemeine Lage nicht stabilisieren konnten, war groß. Heil, vor dessen Fabrik genau 96 Jahre vor der Enthüllung des Gemäldes an der Fassade der Verbraucherzentrale, ein Fass mit einem übelriechenden Brei zerbrach, konnte in letzter Minute von Polizeibeamten vor dem Ertrinken in der Kleinen Alster gerettet werden, in die ihn die aufgebrachte Menge gestoßen hatte. Ob er wirklich Kadaver von Hunden, Katzen und Ratten zu Sülze verarbeitet hat, konnte nie bewiesen werden. Aus den Tierabfällen stellte er vor allem Gelatine für Leimfabriken her. Sehr hygienisch ging es in seinem Betrieb allerdings nicht zu. Daher passt das Bild vom Aufstand gegen ihn am Gebäude der Verbraucherzentrale. Heil wurde schließlich zu drei Monaten Gefängnis und einer Zahlung von 1000 Reichsmark verurteilt.

Strafe: 1000 Reichsmark

Die Folgen der Unruhen, die sich an seinem Fleisch entzündeten, waren schlimmer. Da die Menschen sich nicht beruhigten und in weiteren Fleischfabriken Anzeichen von Panschereien fanden sowie deren Verantwortliche auf dem Rathausmarkt an den Pranger stellten, griff die Rathauswache ein, was zu einer Belagerung des Rathauses führte. Am 1. Juli besetzten Reichswehr- und Freikopstruppen auf Geheiß von Reichswehrminister Noske Hamburg unter dem Kommando des berüchtigten Generalmajors Paul von Lettow-Vorbeck, der in den deutschen Kolonien für Tod und Verderben gesorgt hatte. 80 Menschen starben. Der Sicherheitsapparat der Stadt wurde im konservativen Sinne umgebaut. Das Gemälde an der Fassade der Verbraucherzentrale, fünf mal 2,50 Meter groß, wurde von der Hamburgerin Hildgund Schuster gemalt, einer Spezialistin für Wandbilder. Es wurde am Dienstag von Verbraucherschutzsenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) enthüllt. (ch)
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