Einsam zum Fest?

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Gunnar Urbach kennt Orte, an denen Alleinstehende zu Weihnachten Gleich-gesinnte finden Foto: ut

Pastor Gunnar Urbach nennt Wege gegen Alleinsein

Norderstedt Gunnar Urbach, Pastor und Notfallseelsorger aus Norderstedt, über Einsamkeit an den Weihnachtsfeiertagen.

Wochenblatt: Herr Urbach, Weihnachten ist traditionell ein Familienfest. Wie geht es Ihrer Erfahrung nach Menschen, die keine Angehörigen haben und an den Feiertagen allein sind?
Gunnar Urbach: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Menschen, die mit dem Alleinsein gut klarkommen, es gibt andere, die fahren, wenn sie es sich leisten können, einfach weg und es gibt natürlich auch Menschen, die unter diesem Alleinsein massiv leiden.

WB: Sie sagten bereits, dass viele Menschen gerne an Weihnachten verreisen, um dem Weihnachtstrubel zu entkommen. Ist das eine Alternative, die Sie empfehlen würden?
Urbach: Ich würde generell nichts empfehlen. Das ist eine ganz individuelle Entscheidung. Ich kenne auch Menschen, die sagen: ‚Ja, ich bin alleine, aber ich fahre einfach in eine Hamburger Hauptkirche, wo dann ganz viele Leute sind.‘ Und es gibt ja auch etliche Menschen, die zwar im klassischen Sinn keine Angehörigen haben, weil Partner oder Kinder nicht vorhanden oder möglicherweise verstorben sind, die dafür aber einen Bekannten- oder Freundeskreis haben. Viele, die als allein gelten, sind nicht unbedingt allein.

WB: Wie gehen Sie vor, wenn jemand, der sich an Heiligabend einsam fühlt, auf Sie zukommt?
Urbach: Ich gebe zwar keine Ratschläge, aber ich führe dann Gespräche. In der Seelsorge gilt für mich generell, dass jemand, der das Gespräch mit mir sucht, am Ende für sich selbst eine Entscheidung treffen muss. Ich kann niemandem etwas empfehlen, das er oder sie am Ende möglicherweise gar nicht will. Es gibt aus meiner Sicht auch nicht die klassische alleinlebende Person und es gibt auch nicht ein einziges Rezept dagegen, sondern es gibt nur ganz viele unterschiedliche Typen.

WB: Haben Sie den Eindruck, dass durch die idealisierte Darstellung des familiären Weihnachtsfests das Gefühl von Einsamkeit bei Menschen besonders wächst?
Urbach: Natürlich ist die Weihnachtszeit mit ganz besonderen Gefühlen aufgeladen, ganz klar. Da kommen bei vielen auch die ganzen Erinnerungen an die Kindheit wieder hoch. Und wenn es draußen dunkel ist, legt sich manchmal auch mehr Dunkelheit auf die Seele, als wenn es bis 23 Uhr noch hell ist. Das alles kann Gefühle der Einsamkeit sicher verstärken.

WB: Wie kann die Kirche am Weihnachtsfest Alleinstehenden helfen?
Urbach: Die Gottesdienste stehen jedem offen. Und es gibt in Norderstedt und auch in anderen Kreisen Kirchengemeinden, die bewusst am Heiligen Abend Treffpunkte anbieten, wo man sich mit anderen hinsetzen und in einem weihnachtlich geschmückten Raum gemeinsam essen, sich unterhalten oder auch gesellige Spiele spielen kann. Wenn man sich allein fühlt und viele Menschen, die sich ebenfalls allein fühlen, mit einem im Raum sitzen, fühlt man sich schnell gar nicht mehr allein. Deswegen ist es wichtig, dass Menschen sich auch trauen, das Angebot wahrzunehmen anstatt allein zu Hause bleiben ohne dies zu wollen. (ut)
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