Fußball hinter Gittern

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Der Ausblick aus der Zelle eines Spielers: Eintracht Fuhlsbüttel trägt nur Heimspiele aus Foto: tel
 
„Santa-Fu“-Trainer Gerd Mewes (71) vor dem Zaun der Anstalt Foto: tel

Gerd Mewes trainiert Mörder, Räuber und Erpresser in der JVA Santa Fu

Von Michael Hertel
Fuhlsbüttel
An den verurteilten 9/11-Terroristen Mounir al-Motassadeq erinnert sich Gerd Mewes als „technisch guten, dribbelstarken Spieler“. Einen Mann aus Niger, der kürzlich bei einem Einbruchsversuch erschossen wurde, hätte er gern an einen Landesligisten vermittelt. Und ihn störte auch nicht, wenn Säurefassmörder Lutz R. gelegentlich als Zuschauer beim Training vorbeischaute. Gerd Mewes ist der Mann mit dem wohl skurilsten Sportjob Deutschlands. Mewes, der in wenigen Tagen 72 wird, ist seit rund 35 Jahren Trainer von Eintracht Fuhlsbüttel, der „Knacki-Elf“ von Santa Fu. Demnächst sollen seine persönlichen Erlebnisse mit den Gefängniskickern in Buchform erscheinen.

Keine Auswärtsspiele


Zu dem einmaligen Job kam der gebürtige Hamburger und in Barmbek aufgewachsene Mewes in der Phase der Liberalisierung im Strafvollzug. Auf Anfrage der Anstaltsleitung schickte HFV-Verbandssportlehrer Günter Grothkopp Mewes hinter Gitter. Die Aufgabe, „schwere Jungs“ im Fußballsport zu unterrichten, faszinierte den abenteuerlustigen Mewes. Dabei war der unter Gero Bisanz zum Fußballlehrer ausgebildete Sportler auf dem Sprung in den Profi-Fußball, trainierte weiterhin parallel „normale“ Teams wie den SV Lurup oder SC Norderstedt. In Fuhlsbüttel mussten erst einmal Grundlagen geschaffen werden: „Die Trainingsutensilien haben wir uns überwiegend von anderen Vereinen zusammengeschnorrt, und vom Fußballverband gab es anfangs gebrauchte Bälle“, erinnert sich Mewes. Aber vom Kader her konnte der Trainer dank der damaligen Gefängnis-Belegung („500 bis 600 Inhaftierte“) aus dem Vollen schöpfen. „Heute sind es nur noch halb so viele Insassen.“
Bei der Eintracht ist das Transferfenster ständig geöffnet. „Nur mit dem Unterschied, dass ich mir die Zugänge nicht aussuchen kann.“ Und natürlich wird grundsätzlich nicht auswärts gespielt. Mewes erinnert dennoch sich an ein einziges Auswärtsspiel in Stapelfeld, bei dem er Knackis mit Urlauber-Status einsetzen konnte. Zum Spiel wurden sie mit dem JVA-eigenen Bus gebracht, zurück musste jeder selbst kommen – der Trainer: „Nicht einer ging uns verloren.“ Noch heute ist Mewes sauer auf den damaligen Justizsenator Roger Kusch, der kurz nach Amtsantritt diese Urlaubsregelung „kippte.“
Und noch etwas war in Santa Fu anders: Bis zur Saison 2008 spielte die Eintracht außer Konkurrenz. Dies bedeutete, dass die Tabelle zum Saisonende um die Santa-Fu-Spiele „bereinigt“ wurde. „Da haben sich dann viele Gegner bei uns gar keine Mühe mehr gegeben“, weiß Mewes. Er konnte schließlich beim Verband durchsetzen, dass die Eintracht heute als ganz normaler Konkurrent (aktuell in der Kreisklasse, Staffel 12) gewertet wird. Nur der Aufstieg bleibt den Knast-Kickern unter anderem aufgrund der Heimspielregelung verwehrt. Dabei hat die Mannschaft, die als fair und spielstark gilt, bereits mehrfach die Staffelmeisterschaft gewonnen.
Auch mit über 70 denkt der heute bei Sittensen wohnende Mewes (verheiratet, drei Kinder, sechs Enkel, zwei Urenkel) nicht ans Aufhören, fühlt sich noch immer sportlich wohl zwischen Mördern, Räubern und Erpressern. Aber die Erinnerungen, akribisch notiert, sollen demnächst als Buch erscheinen: „Ich brauche nur noch einen Verlag“. Wäre doch gelacht, bei dem Insiderwissen.
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