Neue Namen gesucht

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Die Konjetznystraße trägt diesen Namen seit 1961 Foto: Biehl
 
Der Mediziner Georg Konjetzny gilt als NS-belastet Repro: Biehl
 
Die Max-Nonne-Straße wurde noch zu Lebzeiten des Arztes 1942 nach ihm benannt Foto: Biehl

NS-Belastete sollen von Straßenschildern verschwinden

Von Bert C. Biehl
Langenhorn
Mit einer öffentlichen Sondersitzung will der Regionalausschuss die Bürger noch vor der Sommerpause in die Umbenennung der Max-Nonne- und der Konjetznystraße einbinden. Das hat das Gremium jetzt auf Antrag von SPD, Grünen, CDU und Linken beschlossen.
Auf dieser Veranstaltung, für die noch ein ortsnaher Raum bestimmt werden muss, sollen die NS-Verstrickungen der Namensgeber dargelegt werden - die Gründe für die Umbenennung. Bürger brachten bisher 14 neue Namensvorschläge ein. Diese Bürger sollen ebenso zu Wort kommen wie die betroffenen Anwohner. Grünen-Bezirksfraktionschef Michael Werner-Boelz: „Uns ist wichtig, dass wir die Umbenennung in möglichst großem Einvernehmen mit allen betroffenen Bürgern vornehmen.“ Nach dem Sommer solle der Ausschuss dann über die neuen Namen abstimmen.„Es wird höchste Zeit, dass diese Straßen umbenannt werden“,
kommentiert Rene Senenko von der Willi-Bredel-Geschichtswerkstatt. Der Verein hatte schon 1996 und 1998 an der Umbenennung zweier Langenhorner Straßen mitgewirkt.

Weiterer Verdacht


Senenkos Hoffnung: Vielleicht komme auf der Sondersitzung ja auch zur Sprache, weshalb aktuell wieder nur zwei Straßennamen in Rede stehen. Fakt ist: Nach Dokumenten, die teils seit Jahrzehnten bekannt sind und die dem Wochenblatt vorliegen, gibt es noch bei einigen weiteren Namensgebern von Langenhorner Straßen NS-Verdacht.
Noch heute, 70 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur, sind in Hamburg Straßen nach Personen benannt, die in die Machenschaften des Regimes verstrickt waren - auch im Stadtteil Langenhorn, und hier vor allem rund um das AK Ochsenzoll.
Dabei hätten schon vor 26 Jahren Konsequenzen gezogen werden können. 1989 war das Buch „Medizinische Wissenschaft im ‚3. Reich‘“ des Medizinhistorikers Hendrik van den Bussche erschienen.
Dadurch wurden die Mediziner Peter Mühlens (Versuche an KZ-Häftlingen) und Wilhelm Weygandt (Verfechter von Euthanasie und Zwangssterilisation) entlarvt. Mühlens verlor 1997 sein Straßenschild (heute Agnes-Gierck-Weg). Die Weygandtstraße wurde dem Arzt 1998 entwidmet und einem Mainzer Namensvetter aus dem Mittelalter zugeordnet.
„Wir haben damals in einer Bürgerfragestunde der Bezirksversammlung gefordert, alle Ärztenamen auf den Prüfstand zu stellen“, erinnert sich Rene Senenko von der Bredel-Gesellschaft. Darüber habe es sogar im damaligen Ortsausschuss einen Konsens gegeben. Geschehen sei dann allerdings nichts.
Ebenfalls 1998 hatte das Wochenblatt über die NS-Belastung weiterer Ärzte berichtet, nach denen Straßen benannt sind. Darunter war auch der jetzt „wiederentdeckte“ Georg Konjetzny.
Der UKE-Chirurg war seit 1937 Mitglied der NSDAP, aber schon seit Oktober 1933 gehörte er der SA an. Darüber hinaus war er auch Mitglied zahlreicher NS-Unterorganisationen – und Fördermitglied der SS. Erst 2013 rollte die Bezirksfraktion der Grünen den Fall wieder auf, und der Senat musste diese Zusammenhänge einräumen.
Der UKE-Neurologe Max Nonne wiederum hatte die Tötung geistig Behinderter schon 1942 als „erlaubten nützlichen Akt“ bezeichnet. Dies war auch sein Kernargument in einem Gutachten, das 1946 dazu beitrug, dass gegen zwei wegen der Tötung von Kindern angeklagte Ärzte keine Hauptverhandlung eröffnet wurde. Ungewöhnlich: Die Max-Nonne-Straße wurde noch zu seinen Lebzeiten 1942 so benannt. Nach dem Krieg machte sich niemand die Mühe, die Benennung zu überprüfen.
Viele der Fakten sind nicht erst durch neuere Forschung bekannt geworden. Sie sind aus relativ einfach aufzufindenden Dokumenten des Staatsarchivs herauslesbar - jener Institution, die bei Straßenbenennungen die Unbedenklichkeit bescheinigen muss. So ist es auch bei den folgenden drei Beispielen:
Franz Oehlecker (Oehleckerring, benannt 1963). Als im Januar 1934 in Hamburg die ersten vier Ärzte ernannt wurden, die Zwangssterilisationen durchführen durften, war Oehlecker für das AK Barmbek dabei. Schon 1935 berichtete er vor holländischen Ärzten von 900 Sterilisationen.
Dazu präzisierte der Forscher van den Bussche auf Nachfrage des Wochenblatts: „Die bevollmächtigten Ärzte haben selbst operiert. Und es wurden nur Ärzte dazu bestimmt, die die Rassenpolitik der Nazis unterstützten.“ Oehlecker war seit 1937 Mitglied der NSDAP und verschiedener NS-Organisationen - was er in seinem „Entnazifizierungsbogen“ vor der britischen Militärbehörde übrigens selbst einräumte. Die Akte lagert im Staatsarchiv.
Theodor Heynemann (Heynemannstraße, 1960). Der Arzt war Direktor der Frauenklinik des UKE – und hatte laut Forscher van den Bussche seit Februar 1934 die Erlaubnis, Zwangssterilisationen durchzuführen. Die habe er sogar im Hörsaal vollzogen – vor angehenden Medizinstudenten. Im Staatsarchiv lagere ein Brief, in dem sich Heynemann darüber beschwere, dass er so wenige Sterilisationsfälle zugewiesen bekomme, da sie „unbedingt in den akademischen Unterricht“ gehörten und es „unmöglich“ sei, nur gelegentlich mal eine vorzunehmen, berichtete van den Bussche schon 1989.
Theodor Fahr (Theodor-Fahr-Straße, 1961). Fahr war Professor für Pathologie an der Uni. Im November 1933 gehörte er zu den Unterzeichnern des „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“.
Dieser Umstand kostete unlängst den früheren Finkenau-Direktor Julius Fressel „sein“ Straßenschild in Uhlenhorst – ein Bürger hatte diesen braunen Fleck auf dem weißen Arztkittel entdeckt.
Nebenbei: Gegen die Streichung von Fressels Namen hatte sich das Staatsarchiv mit dem Argument gewandt, man befürchte einen „Dammbruch“. Das belegt ein interner Vermerk, der dem Wochenblatt vorliegt.
Von den Politikern, die damals weitere Straßen-Umbenennungen verhinderten, ist heute niemand mehr im Amt. Selbst Michael Werner-Boelz, dessen Fraktion Ende 2013 wenigstens die aktuellen Umbenennungen angeschoben hatte, sagte schon zu einem früheren Zeitpunkt gegenüber dem Wochenblatt, ihm seien „aktuell nur die Namen Konjetzny und Nonne“ bekannt.
Tatsächlich hat bisher niemand Hamburgs Straßennamen auf den Prüfstand gestellt. Das wird sich allerdings bald ändern: Historiker der Hamburger Landeszentrale für politische Bildung erstellen zurzeit eine Datenbank, in der die Biografien aller Namensgeber veröffentlicht werden sollen.
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