Winternotprogramm für Obdachlose startet

Anzeige
An der Münzstraße nahe Hauptbahnhof steht die größte Einrichtung mit 400 Plätzen Foto: to/wb
 
Stephan Karrenbauer von „Hinz&Kunzt“ Foto: to/wb

Schutz vor Kälte: Container statt Platte. Stadt Hamburg investiert 2,5 Millionen Euro

Von Thomas Oldach
Hamburg
Kälte macht krank – und manchmal tötet sie auch, besonders wenn Menschen ihr schutzlos ausgeliefert sind. Seit der Wiedervereinigung, so schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, sind in Deutschland mehr als 300 Obdachlose erfroren. Vom 1. November an soll deshalb in Hamburg niemand mehr auf der Straße schlafen müssen. Vorerst jedenfalls. Denn dann eröffnet die Stadt ihr jährliches Winternotprogramm, den Erfrierungsschutz für Obdachlose. Bis März 2017 stehen rund 900 Plätze in mehreren Einrichtungen zur Verfügung – so viele wie im vergangenen Jahr. Die größten Standorte befinden sich an der Münzstraße (Hammerbrook) mit 400 und am Schaarsteinweg (Neustadt) mit 360 Plätzen. Die Unterkünfte sind jeweils von 17 bis 9 Uhr geöffnet. Gut 2,5 Millionen Euro nimmt Hamburg dafür in die Hand. Bundesweit legt Hamburg damit wohl das größte Engagement an den Tag, um Obdachlosen wenigstens im Winter ein Dach über dem Kopf zu bieten. „Das Winternotprogramm hat Tradition, weil in dieser Stadt niemand auf der Straße erfrieren soll“, sagte Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD). 2007 gab es nur 200 Plätze im Winternotprogramm. Sie kündigte zudem an, dass die Behörde auch die Beratung von Obdachlosen verstärken werde. „Eine Klärung der Perspektive ist wichtig, um einen Weg aus der Obdachlosigkeit zu finden“, so Leonhard. Im Zusammenhang mit dem Winternotprogramm aus dem vergangenen Jahr seien 135 Menschen in Wohnungen vermittelt worden. Es gibt offiziell etwa 2000 Obdachlose in Hamburg. Leonhard versprach, dass jedem, der einen Platz im Winternotprogramm brauche, auch ein Hilfsangebot gemacht werde. Die Stadt registriert grundsätzlich auch die Herkunft der Nutzer. Danach stammten im vergangenen Jahr 61 Prozent der Hilfesuchenden aus Ost- und Südosteuropa, 30 Prozent aus afrikanischen Ländern und nur neun Prozent aus Deutschland. Obdachlose, die keinen gesetzlichen Anspruch auf Sozialhilfeleistungen in Deutschland haben, erhalten eine Beratung für eine Rückkehr in ihr Heimatland. Im vergangenen Jahr war das bei 360 Menschen der Fall. Doch gerade an diesen Beratungen gibt es Kritik. Dass die Stadt diese anbiete, „heißt aber nicht, dass auch alle Hilfe bekommen“, sagt Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter und politischer Sprecher des Obdachlosenmagazins „Hinz&Kunzt“. Den meisten Betroffenen aus Osteuropa werde nahegelegt, in ihre Heimatländer zu reisen. Somit sei diese „Hilfestellung“ nichts anderes als Abschreckungspolitik, um den „Zuzug weiterer Obdachloser zu bremsen“. Zudem: „Es ist ein Trugschluss zu glauben, so Probleme lösen zu können. Die meisten Menschen bleiben hier oder kommen wieder“, sagt Karrenbauer, der auch das geringe Tagesangebot kritisiert. „Das Problem ist hausgemacht und muss an der Wurzel gepackt werden. Nur mehr bezahlbarer Wohnraum hilft am Ende auch gegen Obdachlosigkeit.“

Das Angebot für Obdachlose in Hamburg


Ganzjährig stehen rund 400 Übernachtungsplätze zur Verfügung: Pik As (Übernachtungsstätte für Männer, Neustädter Straße 31a, 330 Plätze), Übernachtungsstätte für Frauen (Hinrichsenstraße 4a, 30 Plätze); Haus Bethlehem der Schwestern der Mutter Theresa (Übernachtungsstätte für wohnungslose Frauen, Budapester Straße 23, 14 Plätze) sowie Haus Jona (Übernachtungsheim der Bahnhofsmission, Repsoldstraße 46, 30 Plätze). Tagesaufenthaltsmöglichkeiten gibt es ganzjährig an zehn Standorten – darunter: Kemenate Tagestreff für wohnungslose Frauen; Tagesstätte Herz As; Tagesaufenthaltsstätte Bundesstraße; Park-In Treffpunkt Billstedt.
Anzeige
Anzeige
2 Kommentare
397
Rainer Stelling aus St. Georg | 29.10.2016 | 09:38  
1.240
Elke Noack aus Rahlstedt | 29.10.2016 | 19:03  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige