100 Norderstedter bangen um ihre Jobs

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In der Schokoladenfabrik von Stollwerck Am Stammgleis im Gewerbegebiet an der Oststraße in Norderstedt sollen bald nur noch Pralinen hergestellt werden. Foto: Fuchs
 
Am Firmensitz in Norderstedt steht noch der alte Firmenname Van Houten statt Stollwerck. Ist das ein gutes oder schlechtes Zeichen? Foto: Fuchs

Schokoladen-Produktion der Firma Stollwerck soll nach Berlin verlagert werden

Von Burkhard Fuchs
Norderstedt. Diese Nachricht war eher bitter als süß und traf die Belegschaft in Norderstedt hart und unerwartet. Jan Nuyts, der Generalmanager für die neun Schokoladenfabriken des neuen Eigentümers Baronie aus Belgien, verkündete auf einer Mitarbeiterversammlung der Tochterfirma Stollwerck in Norderstedt, dass dort künftig keine Tafelschokolade mehr produziert werden soll.
Das Norderstedter Tochterunternehmen solle sich ganz auf die Herstellung von Pralinen konzentrieren. Die Produktion der Tafelschokolade mit den Marken Sarotti, Alpia, Karina, Waldbauer und Alprose sowie der Dragees werde nach Berlin verlagert, kündigte der Konzern-Manager von Baronie an, das mit 2000 Mitarbeitern in Deutschland, Holland, Belgien und Ungarn 450 Millionen Euro Umsatz im Jahr erwirtschaftet.
Wie viele der 310 festen Mitarbeiter von Stollwerck in Norderstedt von dieser Umstrukturierung betroffen sind, sei noch nicht abschließend geklärt, sagt Unternehmenssprecher Jan Zuther auf Nachfrage. „Es gibt noch keine konkreten Zahlen.“ Insider berichten von 100 Mitarbeitern, die davon betroffen sein könnten. Stollwerck-Sprecher Zuther will das weder bestätigen noch dementieren. Unter dem Strich müsste der Stellenabbau in Norderstedt auch nicht automatisch zu einem Arbeitsplatz-Abbau insgesamt führen, da ja in Berlin neue Arbeitsplätze geschaffen und diese den Norderstedter Kollegen als Alternative angeboten würden, erläutert Zuther. Dahinter stecke die Strategie des neuen belgischen Eigentümers, die jeweiligen Produktionszweige an bestimmten Standorten zu konzentrieren, erläutert Zuther. So würden im Werk Saalfeld künftig die Trüffel-Schokolade, in Berlin die Tafel-Schokolade und in Norderstedt die Pralinen hergestellt.
Zum Zeitplan sagt der Unternehmenssprecher: „Diese Strategie wird in den nächsten zwölf Monaten umgesetzt.“Das deckt sich auch mit den Erwartungen der Belegschaft von Stollwerck in Norderstedt. Betriebsratsvorsitzende Angelika Röll geht davon aus, dass die betroffenen Arbeitsplätze zum Ende des nächsten Geschäftsjahres im April 2013 nach Berlin verlagert werden.Die Kollegen sind natürlich im Moment sehr verunsichert“, sagt sie. Der Betriebsrat versuche, durch eine Vielzahl an Vorschlägen, wie flexible Jahresarbeitszeiten oder Abbau von Saisonkräften, die bis zu 300 Mann zählen können, so wenige Stellen wie möglich von der Stammbelegschaft von dieser Verlagerung betroffen sein zu lassen.
„Diese Entscheidung der Unternehmensleitung hat uns ganz plötzlich getroffen. Wir sind nicht einbezogen worden“, sagt Röll. Auch der Gesamt-Betriebsratsvorsitzende Johann Faßbender sieht die Neuausrichtung kritisch. „Wenn Arbeitsplätze verloren gehen, ist das immer schlimm für die betroffenen Mitarbeiter.“
Andererseits könnte eine Spezialisierung und Konzentration von Produktionszweigen auch positiv für das gesamte Unternehmen sein, hofft Faßbender. Betriebsrats-Kollegin Angelika Röll ist da skeptischer.
„Es geht für uns auch um die Sicherung des Standortes in Norderstedt.“ Deshalb verhandle der Betriebsrat über einen Interessensausgleich für die Kollegen mit der Geschäftsleitung und habe einen Rechtsbeistand eingeschaltet. In Norderstedt werden jährlich etwa 12.000 Tonnen Schokolade, Pralinen und Dragees hergestellt.
Der weltweit größte Schokoladenhersteller, der Schweizer Barry Callebaut-Konzern (7500 Mitarbeiter, drei Milliarden Euro Umsatz), der Stollwerck 2002 übernommen und in Van Houten umbenannt hatte, hat 2011 die drei deutschen Stollwerck-Werke an die belgische Baronie-Gruppe verkauft.
2005 wurde das Pralinen-Werk von Stollwerck zu Gunsten Norderstedts geschlossen. (bf)
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