Den Tagen mehr Leben geben

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Ein bewachsenes Tor in Form des griechischen Buchstaben Omega ist das Symbol des VereinsFotos: blu

Seit 20 Jahren kümmern sich die Mitglieder des Omega-Vereins Norderstedt um Todkranke

Von Claudia Blume
Norderstedt. Ursula Kaltenthaler ist eine fröhliche Frau. Ihre Augen strahlen, wenn sie von ihrer ehrenamtlichen Arbeit spricht. Obwohl sie todkranke Menschen begleitet. Oder gerade deswegen. „Omega – mit dem Sterben leben e.V.“ nennt sich der ambulante Hospizdienst, den die ehemalige Krankenschwester zusammen mit Dr. Friederike Kühnemund und Inge Laue leitet. 1994 gründeten die drei Frauen die Ortsgruppe Norderstedt, um Schwerstkranke und Sterbende zu Hause, auf Onkologie- und Palliativstationen oder in Alten- und Pflegeheimen zu begleiten.

Angehörige unterstützen

Und um Angehörigen den Rücken zu stärken, ihnen wichtige Freiräume zu ermöglichen, um die körperliche und seelische Extrembelastung aushalten zu können. So wie dem alten Herrn, der mit der Pflege seiner todkranken Frau total überfordert war. Er selber hatte zuvor einen Herzinfarkt erlitten. „Eines Tages sprach er von dem Wunsch, eine Runde mit dem Fahrrad durch Norderstedt zu fahren“, erinnert sich Ursula Kaltenthaler, „ich habe ihn bestärkt, das zu tun, während ich bei seiner Frau blieb. Als er zurückkam, war er ein anderer Mensch. Er hatte Kraft geschöpft, Leben gespürt und konnte wieder lächeln. Das war das schönste Geschenk für mich.“ Dr. Kühnemund kann dem nur beipflichten und zitiert die Gründerin der Hospizbewegung Cicely Saunders: „Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“
Resolut räumt die engagierte Medizinerin mit gängigen Vorurteilen auf: „Wir sind keine traurigen Omas, die auf der Bettkante hocken und Händchen halten. Unsere 13 Damen und zwei Herren sind speziell ausgebildete Sterbebegleiter, kommen aus allen Altersgruppen und Berufsbildern.“ Und sie fügt hinzu: „Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz für Pflegedienste und Palliativ-Teams, sondern als Ergänzung. Kümmern sich die anderen ums Medizinische, sind wir für die Seele zuständig und vor allem - wir haben Zeit.“
Zuhören und schweigen können, den Wunsch nach Nähe oder Abstand achten, das zeichnet die wertvolle Arbeit der Omega-Ehrenamtler aus. „Wir kommen als Fremde und gehen als gute Bekannte“, resümiert Ursula Kaltenthaler. Berührungsängste habe sie nicht. Dennoch wisse sie genau, wo ihre Grenzen seien. „Als meine Schwägerin letztlich ‚kämpferisch‘ gestorben ist, brauchte ich eine Auszeit.“ Zudem helfe regelmäßige Supervision, um die tiefgehenden Erlebnisse zu verarbeiten. „Wer mit Menschen in Ausnahmesituationen beisteht, muss ein stabiles Umfeld und einen festen Kern haben, die ihn schützen“, betont Dr. Kühnemund. Und: „Jeder gibt nur, was er kann.“

Kurs für Sterbebegleiter

Das Lebensende sei kein Tabu-Thema mehr, „dennoch wissen die wenigsten von ehrenamtlicher ambulanter Hospizarbeit.“ Um sie mehr publik zu machen, bietet der Verein Ausbildungskurse zum Sterbebegleiter an und offene Trauergruppen zur Unterstützung Bewältigung und Verarbeitung des Erlebten. Informationen unter
www.omega-norderstedt.de
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