Eine Chance für beide Seiten

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Birhan aus Eritrea hospitierte drei Monate bei Hans-Joachim Sill. Der Elektromeister will ihn als Lehrling Foto: blu
 
Auch Rainer Wiening ist offen für Flüchtlinge als Mitarbeiter Foto: wb

Handwerk sucht Lehrlinge. Asylbewerber wie Birhan aus Eritrea wären bereit

Von Claudia Blume
Norderstedt
Wenn es nach Hans-Joachim Sill ginge, könnte Birhan aus Eritrea sofort in seinem Elektro-Betrieb anfangen – eine Lehrstelle möchte er dem 27-Jährigen anbieten. „Geht aber nicht, weil es irgendwo einen deutschen Bewerber für die Ausbildung als Elektroinstallateur geben könnte, und der hätte Vorrang“, ärgert sich der Elektromeister aus Norderstedt, der in diesem Jahr keinen Lehrling gefunden hat. „Im Handwerk werden händeringend Arbeitskräfte gesucht und bei den Flüchtlingen gibt es jede Menge Potenzial – das muss doch von der Politik erkannt werden.“ Bis dahin wollte Hans-Joachim Sill nicht warten. Da Birhan kein Praktikum machen darf, weil sein Asylverfahren noch läuft und er somit keine Arbeitsgenehmigung hat, bot Sill ihm eine Hospitation an, als das Willkommen-Team anfragte.

Menschen schnell in Arbeitsmarkt integrieren


Drei Monate begleitete der junge Mann aus Eritrea den Elektromeister zu den Kunden, lernte das deutsche Arbeitsleben, Arbeitsmethoden und -abläufe kennen, auch wenn er berufliche Erfahrungen bereits mitbrachte. „Es ist wichtig, dass die Menschen schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden und am Ball bleiben, solange sie noch motiviert sind. Lange Wartezeiten machen mürbe und antriebslos“, sagt Sill, der den Knackpunkt in zeitraubenden Antragsverfahren sieht - und zu wenig Sprachkursen, die Flüchtlingen frühestens drei Monate nach Registrierung zustehen. Seit gut einem Jahr ist Birhan in Norderstedt und durfte bislang nur einen Deutschkurs absolvieren, entsprechend beschränkt ist sein Wortschatz. An fehlenden Sprachkenntnissen ist letztendlich auch ein Praktikum eines Landsmanns gescheitert. Rainer Wiening wollte dem 29-jährigen Eritreer eine Chance geben, in seinem Elektrobetrieb mitzuarbeiten, „doch bei mangelnder Verständigung wäre Gefahr im Verzug gewesen. Die Menschen müssen frühzeitiger in Sprachkurse, denn sie sind der Schlüssel für Integration. Der bislang motivierte Mann ist nun weiterhin zum Nichtstun verdonnert, obwohl er qualifiziert ist.“ Eine Umfrage der Norderstedter Integrationsbeauftragten Heide Kröger unter 100 Asylsuchenden hatte ergeben, dass rund 70 Prozent mindestens neun Jahre die Schule besucht und 15 Prozent ein Studium begonnen oder abgeschlossen haben; 15 Prozent der Befragten verfügt über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Um künftig geeignete Arbeitskräfte und potenzielle Arbeitgeber zusammenzubringen, stockt das Jobcenter Norderstedt ab 1. Januar 2016 den Bereich „Arbeitgeber-Service“ um zwei Stellen auf.

Gezielte Maßnahmen


„Die Mitarbeiter werden Betriebe gezielt ansprechen und sich um die Vermittlung auch von Asylbewerbern kümmern“, erklärt Hans-Joachim Gabriel, Teamleiter Markt und Integration. Darüber hinaus startet die Bundesagentur für Arbeit im Januar mit „Perspektive Flüchtlinge“ eine zwölfwöchige Maßnahme mit Bewerbungstraining und Praktikumsteil. „Hierfür suchen wir noch dringend Praktikumsplätze“, sagt Michael Westerfeld, Bereichsleiter der Agentur für Arbeit Elmshorn. Für Birhan aus Eritrea heißt es nun weiter Deutsch zu lernen, damit sein Wortschatz für die Berufsschule reicht. „Wir halten ihm die Tür für eine Lehrstelle offen“, so Sill.
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