Mit 95 hat sie viel zu sagen

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Liesel Hünichen (95) an ihrer Schreibmaschine im heimischen Wohnzimmer. Sie sagt: „Die Erinnerungen halten mich wach.“ Gerade erschien das Buch „...weil es notwendig war“, die erlebte Geschichte ihrer politischen Laufbahn Foto: blu

Die Politikerin und Autorin Liesel Hünichen liest am 9. September in Garstedt

Von Claudia Blume
Der „Spiegel“ liegt aufgeschlagen auf einem Beistelltisch neben dem gemütlichen Plüschsessel. Liesel Hünichen hat gerade in dem Nachrichtenmagazin gelesen und ist immer noch entsetzt über die Gräueltaten der IS-Milizen im Nord-Irak. Unendliches Mitleid empfindet sie mit den zig tausend Flüchtlingen. Erinnert sie deren Situation doch an den selbst erlebten Zweiten Weltkrieg. Schließlich ist Liesel Hünichen bereits 95 Jahre alt. Doch die Erinnerung an die entbehrungsreiche Zeit ist immer noch lebendig. Auch weil die alte Dame darüber schreibt. Kurzgeschichten, Artikel, Bücher.
„Beim Schreiben kommen Gedanken und Bilder, das hält im Kopf wach“, bekräftigt die Seniorin lebhaft, „wer nichts zu tun hat, altert schneller.“ Moderne Computertechnologie interessiert die Autorin schon, doch ihre Texte entstehen auf einer manuellen Olympia-Schreibmaschine mit Farbband. Der kräftige Anschlag sitzt bei jedem Buchstaben. Am 14. Juni 1919 geboren, wuchs Liesel Hünichen im westfälischen Dülmen auf. Früh entdeckte sie ihre soziale Ader, arbeitete während des Krieges als Fürsorgerin im Kinderheim und kümmerte sich in einem Hildesheimer Wohnheim um junge Frauen mit unehelichen Kindern. Sie heiratete und zog nach Garstedt, das damals noch nicht zu Norderstedt gehörte, und wurde politisch aktiv, „denn Benachteiligte brauchen eine Stimme“. 1974 vertrat sie als erste Frau die CDU im Segeberger Kreistag, „auch wenn mir der damalige Präsident abschätzig mitteilte, dass aus mir ohnehin nichts werden könne, weil ich viel zu leise spräche“, erinnert sich die dreifache Urgroßmutter. Wie er sich irrte. Liesel Hünichen biss sich durch, ihr Lieblingsthema war die Gleichberechtigung. Nicht nur, dass sie sich Respekt als sozialpolitische Sprecherin der CDU erarbeitete, acht Jahre gestaltete sie Kommunalpolitik in der Norderstedter Stadtvertretung im Sozial- und Gesundheitsausschuss mit. Sie gründete den „Verein alleinstehender Mütter“, den Kinderschutzbund, die Seniorenunion und war Mit-Initiatorin der Norderstedter Erinnerungswerkstatt. Dort motiviert sie andere Senioren, das Wissen um vergangene Zeiten aufrecht zu halten und darüber zu schreiben, um zum Nachdenken anzuregen.
Darum nimmt Liesel Hünichen auch gerne an Lesungen wie kommenden Dienstag,
9. September um 15 Uhr in der Stadtteilbücherei Garstedt teil. Aus dem Band „Gegessen wird immer“ liest die agile Seniorin und erzählt von ungewöhnlichen Köstlichkeiten in Kriegs- und Nachkriegszeiten wie Biberbraten, Gulaschkanone aus dem Tarnlaster und „marmoriertem“ Blumenkohl, der zuvor eine Sonderbehandlung brauchte, ehe er auf dem Tisch landete.
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