Therapeuten auf vier Hufen

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Angela bestand den Basispass Pferdekunde, hier auf Wallach Loki Foto: blu

Rosa-Settemeyer-Stiftung: Behinderte gewinnen auf Islandpferden Bewegung und Zutrauen

Von Claudia Blume
Norderstedt
In flottem Tempo töltet Angela mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht durch die Reithalle. Der braune Islandwallach Loki befolgt brav die Signale der Reiterin und läuft seine Runden. Was spielend aussieht, ist eine bewundernswerte Höchstleistung, denn Angela verfügt lediglich über zehn Prozent Sehvermögen. Dass sich die 53-Jährige überhaupt aufs Pferd setzt, verdankt sie Uwe Schenk. Seit 1993 arbeitet der ausgebildete Sonderpädagoge und Reittherapeut in der Rosa-Settemeyer-Stiftung in Harksheide mit körperlich und geistig eingeschränkten Menschen. In der Behinderten-Heimat Norderstedt, die mit dem nachgebauten Immenhof-Torbogen wie ein kleines Dorf anmutet, leben 52 Bewohner – und drei Islandpferde. „Wir sind im weiten Umkreis die einzige Einrichtung, die pädagogisch begleitetes Reiten auf eigenen Tieren anbietet“, sagt Leiterin Karin Ellinghausen nicht ohne Stolz. Ausschlaggebend dafür war eine schicksalhafte Begegnung. Gründerin Rosa Settemeyer, die zwei Kinder mit Behinderung hatte und auch für sie 1990 die damals revolutionäre Einrichtung schuf, lernte auf einem Spaziergang Uwe Schenk kennen, der Islandpferde züchtet. „Damals hatte ich eine Wiese in Friedrichsgabe gepachtet und arbeitete mit Kindern von der Schule am Hasenstieg an und auf meinen eigenen Pferden“, erinnert sich der 62-jährige Jülicher. Die engagierte Dame war begeistert von Erfolgen der Reittherapie, so dass wenig später die ersten Islandpferde aufs Stiftungsgelände zogen. „Der enge Kontakt zum Tier, dessen Wärme und Gangablauf stimuliert das Körperbewusstsein der Reiter und fördert ihr Gleichgewicht“, erklärt der Therapeut, „zudem steigert der Umgang mit den Tieren das Selbstbewusstsein und gibt ihnen eine Bestätigung ihrer Eigenständigkeit.“ Dank einer Lift-Vorrichtung und Spezialsätteln erleben sogar Querschnittsgelähmte Momente des Glücks auf dem Pferderücken. So kann sich die 23-jährige Melanie trotz Tetra-Spastik ihren größten Wunsch erfüllen: Reiten. „Islandpferde eignen sich besonders für diese Arbeit, weil sie über Jahrhunderte als Gebrauchspferde gezüchtet werden, einen ausgeglichenen Charakter haben und nervenstark sind. Zudem verfügen sie über eine einladende Größe und die bequeme Spezialgangart Tölt“, erklärt Uwe Schenk. Die weiß auch Lorenz zu schätzen. Der Sohn der Stifterin ist wie viele Bewohner ein absoluter Pferdenarr. Mehrmals am Tag besucht er Loki, Rjupa und Neuzugang Gisli. „Wenn ich reite, sind meine Schmerzen verschwunden; ich sitze aufrecht und gerader“, sagt der 69-Jährige, der unter einer Rückenverkrümmung leidet – und: „In ihrer Nähe bin ich glücklich.“ Reiten – eine Therapie auch für die Seele.
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